Stephen King – On Writing #23 Der Rat eines Experten

Der Rat eines Experten

Warum hat King On Writing überhaupt geschrieben? Ich meine, warum schreibt ein erfolgreicher Autor ein Buch darüber, wie man schreiben soll/kann/muss? Im letzten Jahr hatte ich das Vergnügen, mit einem Geschäftsexperten zu sprechen. Ich durfte ihm eine Frage stellen, die mich bewegt und bekam – den Rat eines Experten.

Meine Frage war: “Wie kann ich mehr Leser mit meinen Büchern erreichen?”

Seine Antwort war simpel: “Wenn du mehr Leute erreichen willst, solltest du die Qualität senken.”

Sorry? Ich arbeite Jahrzehnte an meiner Sprache, meinem Stil, damit ich dann meine Qualität senke? Nachdem ich vergeblich versucht habe, ihn davon zu überzeugen, dass es noch einen anderen Weg gibt, kam ich mit meinem stärksten Argument:

“Das kann ich nicht machen. Ich stehe mit meinem Namen für eine gewisse Qualität.”

Lapidare Antwort: “Dann nimm dir doch einen anderen. Ein Pseudonym.”

Verstehe: Ein pseudonym. Wie wäre es mit: Catherine Bongé (historische Liebesromane aus Frankreich) oder Kate Bonnet (Zeitgenössische Liebesromane  aus Amerika). Ich habe einige Tage gebraucht habe, um mich von diesem Ratschlag zu erholen. King war da wohl nicht so empfindlich, er hatte mindestens zwei Pseudonyme: John Swithen und Richard Bachman. (Und reden wir besser nicht über die Bücher, die er unter diesem Pseudonym geschrieben hat.)

Pseudonym

Warum will man anders heißen, wenn man KING heißt? Nun, King hat “On Writing” sicher nicht geschrieben, um sich selber etwa beizubringen, er kann schreiben. Aber wissen das auch alle? Denn in Buchkreisen heißt es eben auch (siehe oben) gerne: Was sich so gut verkauft, kann nicht gut geschrieben sein. Also ging es bei “On Writing” für King nicht um große Buchverkäufe oder dem üblichen Erfolg, sondern um die Anerkennung bei Literaturkenner und Experten. Den Leuten, die etwas vom Schreiben verstehen. Denen wollte er erklären, dass er sehr wohl den Unterschied zwischen gut und schlecht kennt und dass er – wenn er will – auf höchstem Niveau schreiben kann. Stimmt. Ein ganzes Buch um den Beweis anzutreten.

Und was mache ich? Vielleicht hat der Experte ja recht, aber ich werde meine Qualität nicht senken. Und ich werde mich auch nicht in verschiedene Schreibpersönlichkeiten zerlegen, das erinnert mich an Horkruxe. Wenn der Experte also recht hat, dann liebe Leser, willkommen in meiner kleiner exklusiven Leserschaft. Für euch schreibe ich. Und vielleicht auch um den Experten – nun – zumindest teilweise zu widerlegen.

 

2 Comments

  • Reply
    Ute
    6. April 2014 at 11:07

    vollkommen einverstanden mit dir, und viel zu einfach für den sogenannten Experten. Natürlich gibt es sehr gut geschriebene Bücher, wie auch sehr gute Musik, die auf den Bestsellerlisten, oder in den Charts ganz oben stehen. Qualität wird einfach und irgendwann sowieso anerkannt, da es viel zu viele schlechte Bücher und schlechte Musik gibt. Ein schlecht geschriebenes Buch, was man weglegen muss, selbst wenn einen die Geschichte eigentlich interessiert, ist viel schlimmer als ein toll geschriebenes Buch über eine eigentlich banale Geschichte.

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