Stephen Kings “On Writing” #15 Schreiborte

Schreiborte

Im nächsten Abschnitt widmet King sich dem Thema: Schreiborte. Seine Meinung: Du brauchst einen bescheidenen, ruhigen, abgeschiedenen Schreibplatz in deiner eigenen Wohnung/Haus, an dem du täglich idealerweise acht Stunden in völliger Abeschiedenheit schreiben kannst. Okay.

Natürlich, seine Argumente leuchten vollkommen ein. Keine Ablenkung, die Tür geschlossen, kein Schnickschnack im Raum. Wie sonst sollte man es schaffen, über Stunden zu schreiben? Und das ist nötig, um Wort für Wort auf die Seite zu bringen und Seite um Seite für ein Buch zu füllen. Am besten setzt man sich für die Zeit am Schreibplatz auch gleich ein Schreibziel. Bei ihm sind es 1000 Wörter am Tag und das mindestens sechs Tage die Woche.*Hust*. Ich muss ihm hier zum ersten Mal ausdrücklich widersprechen, denn mit dieser Einstellung hätte ich kein einziges meiner Bücher geschrieben. Ich sage nur: Fay Weldon und der Küchentisch.

Im Zug

CompLetzte Woche bin ich nach Köln gefahren. Ich leiste mir die 1. Klasse, weil ich dort einen ruhigen Sitz habe, klappe das Tablett vor mir herunter und schreibe. Ende. Ich komme an, ich übernachte bei meiner Cousine, am Abend schreibe ich auf dem Gästebett. Am nächsten Tag nach Hamburg, ich schreibe im Zug.

Aber nicht nur, wenn ich unterwegs bin. Ich schreibe zu Hause gerne auf dem Bett. Der Platz ist nicht sehr ruhig, es ist jedem erlaubt, mich zu stören und besonders unsere Katze macht reichlich Gebrauch davon. Und ich habe noch nicht von den Mails oder Telefonanrufen gesprochen, die meine Arbeit unterbrechen, der Haustürklingel oder Hundespaziergängen.

Würde ich mehr schreiben, wenn ich Kings Schreibklause hätte? Vermutlich. Würde ich besser schreiben? Nein. Ich gebe zu, manchmal nerven die Unterbrechungen. Den Paketmann hätte ich schon des Öfteren gerne ermordet. Und natürlich stört es, wenn mitten im Schreiben ein Problem auftaucht, für das ich meine Arbeit länger unterbrechen muss, der Boiler tropft oder das kranke Kind von der Schule abgeholt werden muss. (Und gerade fällt mir die Wäsche in der Waschmaschine ein, die ich noch aufhängen muss).

Schreibhaus

Ich denke an Cornelia Funke und ihr Schreibhaus in L.A. In das ihr Mann ihr (als er noch lebte) immer ein Tässchen Tee gebracht hat. Traumhaft! Und ich denke an Lauren Olivier, von der ich irgendwo gelesen habe, dass sie ständig in ihr Handy schreibt und sich dann die Texte zumailt. (Ich habe es versucht, es macht mich wahnsinnig.) Ich könnte jetzt sagen, man merkt den Texten von Funke die behäbige Wohligkeit des Scheibhauses oder den Büchern von  Olivier die nervöse Unkonzentriertheit des ununterbrochenen Schreibens an jedem Ort an.

Denken und schreiben

Aber naaaa. So weit will ich gar nicht gehen. Ich will nur sagen, beide sind Bestseller-Autoren und finden begeisterte Leser. Alles ist erlaubt, wenn es für dich funktioniert. Denn eine Sache lässt King vollkommen außen vor: Was ist mit den Zeiten, an denen ein Autor zwar nicht schreibt, aber über das, was er schreiben möchte, nachdenkt. Mir kommt es manchmal so vor, als würden diese Zeiträume den größten Teil meiner “Schreibzeit” einnehmen.

Da ich nicht an das Starren auf das weiße Papier glaube, gehe ich in solchen Zeiten mit dem Hund spazieren oder hänge Wäsche auf oder mache etwas anderes, bei dem ich gut nachdenken kann.

You need the room, you need the door, and you need the determination to shut the door. (King)

Verstehe. Aber dieser Raum muss nicht physikalisch vorhanden sein. Das habe ich mittlerweile begriffen. Weshalb niemand, der mich auf einem Spaziergang trifft, erwarten sollte, dass ich ihn erkenne oder grüße, denn – sorry – dann ist meine Tür geschlossen.

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