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#Schreiben Feminismus New Adult

New Adult – Bridging the Gap

6. November 2020
New Adult

Manchmal frage ich mich, wie alles begann und warum ich dieses Sub-Genre New Adult so liebe, das um 2013 von den USA als Genre-Ph├Ąnomen nach Deutschland kam und erst die Bestsellerlisten und dann die Schreibvorlieben der deutschen Autor*innen erobert hat.

Vermutlich, weil ich glaube, dass hinter diesem Sub-Genre mehr steckt, als nur ein neues Bestsellerph├Ąnomen oder zumindest sehr viel mehr stecken k├Ânnte.

Wie ging es los?

Wie kam es ├╝berhaupt zu der Bezeichnung: New Adult? Ich habe dazu schon 2014 einen Beitrag auf der Red Bug Culture-Website geschrieben, denn New Adult fasziniert mich schon eine Weile:

Das Subgenre wurde 2009 von der St. Martins Press ÔÇ×erfundenÔÇť, um schon existierende Stoffe neu einzuordnen und besser herausstellen zu k├Ânnen. Die ersten Autor*innen waren Anglo-Amerikaner*innen.

Es hat sich anf├Ąnglich aus dem Genre der Contemporary Lovestory, zwischen Young Adult und Chic-Lit herausgebildet und die meisten Titel sind Liebesgeschichten. Wenn man so will, existiert das Genre ja auch schon, es wurde nicht erst erschaffen sondern nur von Young Adult und Erwachsenen Literatur abgegrenzt.

Wer das ganz ausf├╝hrlich m├Âchte, dem empfehle ich den Artikel von Emma Stewart ├╝ber das Ph├Ąnomen New Adult (in Englisch). Ich habe die PDF auf meinen Blog gelegt. Hier zum Download.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich, als ich 2013 die B├╝cher von Abbi Glines und Jamie McGuire gelesen habe, zwiegespalten war. War das ÔÇŽ┬á anders verpackte Erotik? War das Schund? Aber dann gab und gibt es excellent geschriebene New Adult-B├╝cher, die verdienen, Teil der Pop-Kultur zu werden. Mir fiel auf, dass die Bandbreite sehr gro├č war. Was sie alle verband: Es wurde offen ├╝ber Sex geschrieben, wenn es um Begegnungen von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ging. Kein fade to black. Und das fand ich erstmal wichtig. Die ersten New-Adult-B├╝cher wurden in Deutschland zwar f├╝r Erwachsene vermarktet (Stichwort Warengruppe), aber die Protagonist:innen waren jung, meist noch nicht vollj├Ąhrig (zumindest nach amerikanischen Recht). Also war das f├╝r mich Literatur f├╝r junge Erwachsene, f├╝r Jugendliche.

Mir gefiel auch die hohe Emotionalit├Ąt der Geschichten, denn das Jugendbuch wird ansonsten haupts├Ąchlich von “Themen” beherrscht. Kopf statt Bauch. Starke Gef├╝hle zu zeigen, sie intensive zu beschreiben, hat man eher und besser den Romance-Autor:innen ├╝berlassen. Das zeitgen├Âssische Jugendbuch – seit 2005 meine Schreibdomain – sollte sich lieber sachlich mit “Problemen Jugendlicher” auseinandersetzen (siehe die Regale in euer Bibliothek.)

Jugend und K├Ârper

Es hat mich immer schon gest├Ârt, dass die Pubert├Ąt offenbar eine Zeit ist, die von vielen Erwachsenen gerne klein gemacht wird. Die Zeit, in der die Kinder komisch werden und peinlich und zu l├Ącherlichen Puber-tieren werden und eine Menge Probleme haben, die man dann in Unterkategorien von Sucht, Sex, Stress, Depression aufteilen kann. Denn, hm, waren wir nicht alle mal selbst an diesem Ort?

Klar, hier passiert viel, mit dem Gehirn und dem K├Ârper und das muss erstmal verkraftet werden. Besonders heftig ist es f├╝r M├Ądchen. Jungs bekommen Muskeln und Bartwuchs und damit Zeichen von Power, M├Ądchen weiche Br├╝ste und Rundungen, die sie verletzlicher und angreifbarer machen. In dieser Zeit beginnt die Phase der gro├če Verunsicherung: Bin ich sch├Ân genug? Zu dick, zu d├╝nn und so weiter.

Das sind wichtige Themen im Jugendbuchbereich, doch leider werden sie meist erst dann aufgegriffen, wenn es schon “zu sp├Ąt” ist. Wenn es ein Problem geworden ist wie Magersucht oder Depression. Auch SickLit genannt. Denn Krankheit erlaubt einem M├Ądchen (fast immer sind kranke M├Ądchen die Protagonist:innen) ihre letzten W├╝nsche zu ├Ąu├čern und endlich zu sagen, was sie wirklich will. Aber warum muss man erst krank werden, um zu wissen, was man will? Ist das die message? Und kann New Adult hier etwas ├Ąndern?

New Adult – was und f├╝r wen?

Wie war das denn am Anfang? Wie ging es auf dem deutschen Buchmarkt los mit New Adult? Am Anfang – ich spreche hier von 2013/14 – gab es die eher erotischen New-Adult-B├╝cher, die damals noch nicht als New Adult vermarktet wurden und die bei z.B. Piper auch gerne in der Erotik-Abteilung erschienen. Junge Protagonist:innen zwischen 20 und 25, das M├Ądchen fast immer noch Jungfrau, der Mann dagegen erfahren und Typ Badboy.

Aber es gab ja auch schon “Twilight”, ein Jugendbuch, das die T├╝r zu mehr Emotionalit├Ąt aufgestossen hatte. Allerdings extrem pr├╝de mit Sex umging. Das hat dann Frau James mit Shades of Grey (ehemals Fanfiction zu Twilight) ge├Ąndert und Licht ins Dunkel gebracht. Seeehr viel Licht. Irgendwie schien Zu-wenig- zu-viel ein Thema zu sein. Und auch die Frage, wo sich die richtige Zielgruppe f├╝r diese B├╝cher befand oder befindet, war unklar. W├Ąhrend Twilight Autorin Stephenie Meyer┬áder Meinung war, sie schriebe ein Erwachsenenbuch (und ihre Agentin sie dann sanft ├╝berzeugt hat, dass das doch eher in die Jugendabteilung geh├Ârt), hat Frau James mit einem kindischen Schreibstil den Erwachsenenmarkt erobert. Was war da los? Oder was ist da los, denn immer mehr Erwachsene lesen gerne Jugendliteratur und New Adult. Und viele sagen: Es muss gar nicht anspruchsvoll sein. Ich will meinen Kopf ausschalten.

Und die Jugendlichen? Ich kenne keine Jugendlichen, die ihren Kopf ausschalten wollen, ganz im Gegenteil. Sie wollte allerdings auch nicht immer nur im Kopf sein. Besonders dann nicht, wenn sie in die Pubert├Ąt kommen. Nat├╝rlich wird Sex ein Thema und zwar ein Gro├čes. Und irgendwie kann uns allen weder Stephenie Meyer┬ánoch Frau James und Shades of Grey wirklich weiterhelfen, wenn es um die Frage nach gutem Sex geht.

Es ist interessant, dass New Adult immer noch zwischen den Bereichen oder Warengruppen Jugendbuch und Erwachsenenbuch hin- und herwabert.

Sex sells … und mehr

Wir leben in einer Zeit, in der immer offener mit Fragen zu Sex umgegangen wird. Das ist gut, aber nicht alles ist so, wie man es als unerfahrene Sexanf├Ąngerin braucht. Alles wird aufgedeckt und untersucht, Vaginen prangen auf Buchcovern. Super! Aufkl├Ąrung!, m├Âchte ich gerne rufen und finde ich sehr positiv, wei├č aber gleichzeitig, dass mich das als Teenagerin ungef├Ąhr so abget├Ârnt h├Ątte, wie die Vorstellung vom Sex meiner Eltern. Ich will es schon wissen, aber bitte nicht wie im Sexualkundeunterricht vorgehalten bekommen.

Das Thema Sex in B├╝chern – und ich meine guten Sex, also “Liebe machen”, besch├Ąftigt mich seit ich als pubertierende Leserin einfach keine B├╝cher finden konnte, die mir liebevoll und emotional, aber gleichzeitig realistisch und sachlich sagen konnten, wie das geht mit diesen beiden K├Ârpern. Ich war mir nicht sicher, ob ich Frauen oder M├Ąnner liebte, so sehr hat mich das alles verwirrt. Und nirgendwo gab es Antworten. Als ich – eher aus Zufall – Jugendbuchautorin wurde, wollte ich das ganz bestimmt ├Ąndern. Eine Sexszene zu schreiben ist sicher nicht dass, was man sich w├╝nscht, wenn man morgens aufsteht, ├╝berm├╝det die Kinder zur Schule f├Ąhrt oder den Abwasch macht. Oh, und nachher noch die Sexszene schreiben. Ich lernte, dass auch das eine Kunst ist, ├╝ber die sich ├╝brigens schon einige Autor*innen den Kopf zerbrochen haben. Zum Beispiel Diana Gabaldon.

Als dann mein erstes Jugendbuch (Radio Gaga) 2005 herauskam, gab es Kritik f├╝r eine explizite Sexszene von Lehrerinnen, aber Sch├╝ler:innen forderten auf Lesungen immer genau diese Szene ein. Was lief da schr├Ąg? Ich fand es wichtig, eine gute Sexszene zu schreiben, damit nicht immer mehr schlechter Sex “ausprobiert” wird, an dem dann am Ende wohl eher die M├Ądchen leiden w├╝rden. Aber warum hatten einige Erwachsene so viele Probleme damit?

Nun, New Adult enth├Ąlt Sexszenen. Selbst, wenn viele New-Adult-B├╝cher heute nicht in der Erotikabteilung stehen, scheint eine Sexszene dazu zu geh├Âren und findet sich dann meist als H├Âhepunkt in der Mitte und/oder am Ende des Buches. Klar, wenn es in der Geschichte stark um Sex geht, dann hat der auch eine dramaturgische Funktion.

Hei├čt: Das Zusammenkommen der Partner – auch k├Ârperlich –┬á ist dann tats├Ąchlich ein H├Âhepunkt/Klimax im Buch und das w├╝rde ich auch so schreiben. Anmerkung: Wenn ich lese, dass ein sex-unerfahrenes M├Ądchen einem Jungen beim ersten Sex den R├╝cken aufkratzt, dann muss ich das Buch sehr weit wegwerfen und einfach mal hoffen, dass niemand glaubt, was da steht.┬á

Dass Sex in B├╝chern nicht immer so wie im Leben sein muss, ist nat├╝rlich klar. Trotzdem ist es vermutlich sowohl f├╝r M├Ądchen/Frauen als auch Jungs/M├Ąnner frustrierend, sich mit diesen Sexg├Âttern zu messen, die immer Lust haben, st├Ąndig feucht und hart sind und auch keine Problem damit haben, jemanden sofort und am besten ganz eng heranzulassen. Und wenn es dann mal etwas ruppiger zugeht – so sind sie halt, die Badboy. Eyyyy – nein!

(Zum Thema: Inhalte und besonders zu Sex in New-Adult-B├╝chern hier┬ámehr oder┬áhier, oder┬áhier, denn in den USA wird dar├╝ber schon l├Ąnger diskutiert.)

Feminismus und New Adult

Es tut sich was in Richtung Feminismus. Auch sehr sch├Ân. Die dritte Welle der Frauenbewegung lebt. Allerdings ist auch sie nicht unbedingt in vielen New-Adult-B├╝chern zu finden, was ich extrem frustrierend finde. Ganz klar verkaufen sich zurzeit (nicht nur) die NA-B├╝cher besser, die ein konservatives M├Ąnner- und Frauenbild zeigen. Heterosexuell, versteht sich. B├╝cher, die sich mit anderen Lebensweisen und Vorlieben, gleichgeschlechtliche Liebe oder oder besch├Ąftigen, landen in Nischen. Argumente der Verleger*innen und Selfpublisher:innen: Die Frau/Leserin – will es ja so, also warum etwas anderes schreiben?

Viel New Adult orientiert sich eher an den konservativen Leser:innen, die kleine Abweichung im ├╝blichen Beuteschema – Jagd, Fang, Sex, Hochzeit – sofort registrieren und mit verhaltenen K├Ąufen abstrafen. Hier muss nat├╝rlich auch jede Autor:in eine Entscheidung treffen, ob ihr der Inhalt oder das Auskommen wichtiger ist. Und welche Leser:innen sie ansprechen m├Âchte.

Eine Autorin erz├Ąhlt (in einem Podcast), sie h├Ątte ihre ersten New Adult-B├╝cher (unter Pseudonym) nur aus Gag geschrieben und daf├╝r einfach mal alle Klischees zusammen gepackt.┬á Ha, ha. Outch! Denn – wenn ich mich recht erinnere, waren es genau diese NA-B├╝cher der Autorin, die schlie├člich so gut liefen, dass ihr danach ein Verlag die M├Âglichkeit f├╝r “andere” B├╝cher gegeben hat. Ein erfolgreiches Format wie New Adult mit Klischees zu ├╝berfrachten und f├╝r den Einstieg in den kommerziellen Buchmarkt zu nutzen, ist ein schlauer move, aber er verbessert nicht den Ruf dieses Genres und das ist schade.

Sind wir Jugendbuchautor:innen gezwungen, uns fr├╝her oder sp├Ąter von New Adult zu distanzieren? Ist es dann doch so schmuddelig, das man besser nur unter Pseudonym schreibt und sp├Ąter am besten alles aus dem Verlauf l├Âscht? Ich denke nicht. New Adult braucht nicht noch mehr Trittbrettfahrer mit Klischeestories oder Autor*innen, die es nur benutzen, um danach – endlich – etwas Richtiges zu schreiben. New Adult braucht mehr Autor:innen, die aus dem mittlerweile stark strapazierten Klischees ausbrechen.

Nebenbei bemerkt: Leser:innen sind unsere Fans/Follower/K├Ąufer:innen/Kunden. Wir sollten sie achten und ernst nehmen. Ich glaube auch, dass wir als zeitgen├Âssische Jugendbuch-Autor:innen, (egal ob im Young oder New Adult-Bereich), eine Verantwortung den Leser:innen gegen├╝ber hat. Oder vielleicht sogar als Autor:in ├╝berhaupt, aber das ist eine andere Diskussion.

Frauen-Literatur

Das Thema Frauen-Literatur und Frauen in der Literatur (von M├Ąnnern) besch├Ąftigt mich schon lange, sogar l├Ąnger, als das Thema Frauen in der Kunst und ihre Darstellung. Ich plane eine Blogreihe ├╝ber die Rezeption von “Frauenliteratur” aka Romance//New Adult, die mich in Euphorie versetzt, seit ich immer mehr Autorinnen finde, die das Thema ├Ąhnlich leidenschaftlich besch├Ąftigt. Denn die Herabsetzung des Liebesroman-Genres hat Geschichte und tiefe Wurzeln, die bis in die Konstruktion von Geschichten gehen. Stichwort Hero’s Journey. Aber dazu in sp├Ąteren Blogbeitr├Ągen mehr.

Denn leider ist es bis heute richtig, dass, wer nicht nur materiellen Erfolg haben, sondern auch Preise und Anerkennung im Literaturbereich bekommen m├Âchte, schneller und besser mit “anspruchsvollen Themen” ans Ziel kommt. So steigt man hoch auf der (m├Ąnnerdominierten) Erfolgsleiter und das andere ist … Frauenkram. Kinderkram. Pubert├Ąr. B├╝cher, die bestimmte Literaturkritiker lustvoll in die Tonne treten oder rollen lassen. “Sogar”, wenn sie von M├Ąnnern geschrieben werden.

Ein neues New Adult

Es gibt sie wohl immer noch, die L├╝cke im Buchmarkt, zwischen Jugendbuch und Erwachsenen-Literatur. B├╝cher f├╝r Menschen, die merken, dass Erwachsenwerden mehr bedeutet, als sich k├Ârperlich zu transformieren und Sex, einen Job, ein Auto, ein Haus, eine Partner:in zu haben.

Junge Erwachsene, deren Tr├Ąume ├╝ber eine materielle Erf├╝llung hinausgehen. Die nach Orientierung suchen, auf allen Gebieten und denen mit Klischees nicht geholfen ist.

Meine Hoffnung ist, dass ein progressives New Adult sie schlie├čen kann. Warum? Weil es tats├Ąchlich zu viele junge Menschen gibt, die vom Erwachsenwerden ├╝berfordert sind und unter Depressionen, Magersucht, Sucht etc, leiden. Wir sollten sie alle ernst nehmen, die Quarterlife Crises, und ich gehe davon aus, dass wir sie alle in der ein oder anderen Form erlebt haben.

Die so genannte┬áQuarterlife Crisis┬á(QLC) bezeichnet einen Zustand der Unsicherheit im Lebensabschnitt nach dem ÔÇ×ErwachsenwerdenÔÇť, der in etwa im Alter zwischen 21 und 29 auftritt, der Endphase des ersten Lebensviertels. Der Begriff wurde in den USA 1997 in Analogie zur┬áMidlife Crisis gebildet. (Quelle)

B├╝cher sind nicht immer die beste L├Âsung f├╝r dein Leben. Richtig. Musik, Freunde, Familie, Sport, Kunst und Kreativit├Ąt sind andere oder weitere Wege. Vielleicht sogar bessere. Aber als Autorin glaube ich an die Kraft der Literatur.

Let’s dream.

xoxo

Katrin

33 Frauen

33 Frauen – #3 Ana├»s Nin

3. August 2020
Anaïs Nin

33 Frauen, die mich sehr inspiriert haben (Projekt #33frauen) und eine davon ist Ana├»s Nin. Ana├»s Nin oder genauer: Angela Ana├»s Juana Antolina Rosa Edelmira Nin y Culmell. Nin war Schriftstellerin und noch so viel mehr. 1903 geboren, war sie in den 20er Jahren in ihren Zwanzigern und hat f├╝r mich all das verk├Ârpert, was man mit den Roaring Twenties┬á(den Goldenen Zwanzigern) verbindet. Eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, eine Bl├╝tezeit der Kunst, Wissenschaft und Kultur. Eine Zeit, die 1929 in eine Weltwirtschaftskrise lief, die mit dem B├Ârsencrash in New York begann und in vielen europ├Ąischen L├Ąndern bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 anhielt.

Anaïs Nin

Die Goldenen Zwanziger – eine Art Zwischenzeit. Zwischen zwei Weltkriegen, ein Aufatmen nach dem ersten Weltkrieg (1914-19) oder vielleicht doch eher ein kurzes Aufb├Ąumen vor dem Zweiten Weltkrieg. Wie B├Ąume vor dem Absterben noch einmal ganz stark ausschlagen und bl├╝hen. Frech, ├╝berbordend, frei, verr├╝ckt.

Eine Zeit, in der meine etwa gleichaltrigen Omas heirateten und ihre Kinder (meine Eltern) bekamen. No judgment. Ana├»s Nin hatte nie Kinder, erkrankte 1974 an Geb├Ąrmutterhalskrebs und starb 1977 daran. Ich erw├Ąhne das hier, weil ihre Weiblichkeit und Sexualit├Ąt ihr ganzes Leben bestimmt haben, sie ├╝berbordend und ausschweifend war und diese Krankheit – passte. Ohne Wertung und schon gar nicht als Bestrafung zu sehen, aber ein letzter Fanfarensto├č. Sterben an etwas, an dem nur eine Frau sterben kann. Dah!

Die Tageb├╝cher

Ich habe Ana├»s Nin in meinen Zwanzigern kennengelernt. Und zwar durch ihr bekanntestes Werk, ihre “Tageb├╝cher”. Und war fasziniert. Das war eine neue Form von Tagebuch, roh, echt, ehrlich und gleichzeitig vollst├Ąndig k├╝nstlich-k├╝nstlerisch. Nin schreibt ├╝ber ihre Gef├╝hle, Gedanken, aber achtet auf eine gute Form, verwandelt und pr├Ązisiert. Man kann ihr beim Schreiben, beim Finden der Gedanken zusehen, mein kann lernen wie Schreiben, wie Leben geht.

Ich hatte mit neun Jahren auf Vorschlag meines Vaters selbst angefangen, Tagebuch zu schreiben. Das wird sp├Ąter sehr wichtig f├╝r dich sein, sagte er. Oder so ├Ąhnlich. Nat├╝rlich┬áwollte ich alles machen, was sp├Ąter und auch sofort f├╝r mich wichtig sein k├Ânnte, also schrieb ich. Tagebuch schreiben wurde zu einem wichtigen Teil meines Lebens.

Mit sechzehn vernichtete ich alles kindlichen Tageb├╝cher, die eigentlich nur voller Listen waren. Zur Schule gegangen//Hamsterk├Ąfig sauber gemacht//gespielt. Heute w├╝rde mich rasend interessieren, wie mein Alltag mit neun ausgesehen hat, damals fand ich es besch├Ąmend langweilig und banal.

T├Ągliches Schreiben

Ja, was sind Tageb├╝cher ├╝berhaupt? Das kennt man ja, dass man immer zum Tagebuch greift, wenn man frustriert ist oder Liebeskummer hat. Es ersetzt die fehlende Gespr├Ąchspartner*in. Nicht so bei Ana├»s Nin. Ihre Tageb├╝cher sind sorgf├Ąltig verarbeitete Erinnerungen, die sich aber anf├╝hlten wie aus dem Moment verfasst. Aus der Stimmung heraus geschrieben. Da ahnte man das Leben. Voller Musik, Kunst, Literatur. Intellektuellen Gespr├Ąchen und Gedanken. Aber auch ungesch├Ânt, hart, wild. Man macht Fehler, man verliert die Dramaturgie, man baut Mist, man rappelt sich wieder auf.

Anaïs Nin

Mitte Zwanzig interessierte mich Literatur//Kunst und ich war mir ganz sicher, gute, interessante Kunst kann nur machen, wer Lebenserfahrungen hat. All das, was ich nicht hatte, aber unbedingt haben wollte. Mich interessierte das Leben. Mich interessierte, was das Leben mit einem macht.

K├╝nstlerin sein, hei├čt das Leben aufsaugen, sich schmutzig zu machen, eintauchen in alles Fleischliche und Theoretische. Alles ansehen, alles verarbeiten, und dann auf Papier oder die Leinwand bringen. All das fand ich bei Ana├»s Nin.

Kindheit

Ana├»s Nina Leben ist vollgepackt mit Erfahrungen, mit Schicksalsschl├Ągen, mit Kunst und Schreiben, mit Liebe und Sex. Die Eltern K├╝nstler, der Vater Pianist, die Mutter S├Ąngerin, trennten sich als Nin zwei war. Sie wuchs in New York auf, verlie├č die r├Âmisch-katholische Kirche und die Schule mit sechzehn und verdiente sich ihr Geld als K├╝nstlermodell. Mutig, trotzig, und offenbar ohne den Filter: Geht das? Darf man das?

Was sp├Ąter herauskam, als alle Tageb├╝cher hervorgeholt wurden: Mit neun – so sagt Nin┬áin ihrem Tagebuchband Inzest ┬á– vom Vater missbraucht. Dass aufschreiben zu k├Ânnen ÔÇô ist unglaublich. Ebenso schwierig zu verstehen, was es mit ihr gemacht hat.

Doch von ihrer Kindheit, den fr├╝hen Tageb├╝chern, wusste ich damals nichts. Die Tageb├╝cher, die ich las, waren die bei DTV erschienen Taschenb├╝cher, stark redigiert und zensiert. Das hie├č, dass etliche Personen nicht genannt wurden wie zum Beispiel ihr Ehemann, ein Bankier, den Nin mit zwanzig heiratete. Erst 1992 erschienen die unzensierten Tageb├╝cher, doch da war ich an einem anderen Punkt in meinem Leben.

Mit war klar, dass die Tagebücher zensiert waren, und auch ohne Wikipedia war es bekannt, dass ihr Mann nicht genannt werden wollte. Beim Lesen hatte ich oft den Eindruck, dass er die Position eines Vaters einnimmt. Abwesend, doch ein Versorger und Beschützer im Hintergrund, den Nin offensichtlich betrog und hinterging und belog, den sie aber ohne Probleme als Sicherheitsnetz nutzen konnte.

Dieser Widerspruch – totale Offenheit und gleichzeitig ein seltsames Verh├Ąltnis zur Wahrheit – hat mich fasziniert und besch├Ąftigt. Was mir klar wurde: Ein Tagebuch braucht die Wahrheit – die Kunst/Literatur nicht.

“I tell so many lies I have to write them down and keep them in the lie box so I can keep them straight.” (National Public Radio (NPR). July 29, 2006. Retrieved February 16, 2011.)

Schreiben und Psychologie

Nach der Schule wollte ich Psychologie studieren, doch r├╝ckblickend wollte ich gar nicht die Theorie, ich wollte die Praxis. Ich wollte ein Leben, so bunt und grausam wie das von Ana├»s Nin. Doch das┬áInteresse an der Psychologie oder vielleicht genauer gesagt an Menschen, blieb und das fand ich auch in Nins Tageb├╝chern. Nin studierte Psychologie, intensiv und auf ihre eigene Weise. Sie ging in Psychotherapie, lie├če sich erst 1932 von┬áRen├ę Allendy┬á“behandeln”, sp├Ąter von┬áOtto Rank. Nach eigenen Aussagen wurden beide ihre Liebhaber.

Anais Nin und George Leite im DalielÔÇÖs Bookstore, Berkeley, 1946

Ich habe etwa zehn Menschen in meinem Leben getroffen, die sich einer Psychotherapie oder Analyse unterzogen haben und drei davon sind eine kurze oder auch sehr tiefe und lange sexuelle Beziehung zu ihren Therapeuten eingegangen, also denke ich, es ist naheliegend und nicht nur typisch f├╝r Ana├»s Nin, deren Interesse an Menschen sich sehr oft in eine Liebesbeziehung verwandelte. Mir zeigte es vor allem, dass Pysche und K├Ârper sehr eng miteinander verwoben sind und sich eben nicht alles ├╝ber den Kopf kl├Ąren kann. (Wovon ich bis zu meiner Pubert├Ąt eigentlich ausging.)

Ich selbst habe mich bei meiner ersten Psychotherapie (mit +-27) allerdings mit Vorbedacht f├╝r eine sehr viel ├Ąltere und weibliche Therapeutin entschieden.

Kunst und Psychologie

Die Psychologie und besonders Rank halfen Nin nach eigenen Aussagen besonders in ihrer k├╝nstlerischen Entwicklung und ihrem Schreibprozess.

“As he talked, I thought of my difficulties with writing, my struggles to articulate feelings not easily expressed. Of my struggles to find a language for intuition, feeling, instincts which are, in themselves, elusive, subtle, and wordless.”┬áNin, Ana├»s (1966). The Diary of Ana├»s Nin (1931-1934). 1. Harcourt, Brace & World.┬áS. 279)

Bei Kriegsbeginn verlie├č Nin Frankreich und ging nach New York, wo Otto Rank auch gerade angekommen war und zog zu ihm in sein Appartement. Dort arbeitete sie selbst als Psychologin. Und genauso selbstverst├Ąndlich, wie sie Sex mit Rank hatte, wurden ihre Patienten ihre Liebhaber. Sex als Mittel zur Selbstfindung? Oder Machtaus├╝bung? Oder einfach Schw├Ąche? Aber auf jeden Fall als wichtiger Bestandteil des k├╝nstlerischen Lebens.

Nach einigen Monaten gab sie ihren selbsterfunden Job aber wieder auf:

┬á“I found that I wasn’t good because I wasn’t objective. I was haunted by my patients. – I wanted to intercede.” (The New York Times. Retrieved September 1, 2017)

Mich beeindruckte, dass und wie Nin sich alles nahm, was sie brauchte. Ohne zu fragen, ob das okay war, gerecht, anst├Ąndig. Ohne auf etwas anders zu achten, als sich selbst. Da war ich zwar anderer Meinung oder auch anders erzogen, aber die Faszination blieb und die Erkenntnis: Ohne einen gewissen Egoismus wird man keine gute K├╝nstlerin.

Anaïs Nin und Henry Miller

Ich bin nicht nur ein Anaïs Nin, sondern auch ein Henry Miller Fan, dessen Bücher ich zum gleichen Zeitpunkt gelesen habe. Vielleicht bin ich auf Henry Miller auch nur über Nin gestossen, was ich jetzt nicht mehr so genau nachvollziehen kann.

Anaïs Nin und Henry Miller

Als Ana├»s Nin 1931 auf Miller traf, war sie eine ┬áachtundzwanzigj├Ąhrige verheiratete Frau und Miller – ebenfalls verheiratet – stand kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag. Er war in zweiter Ehe mit June verheiratet, mit der er eine leidenschaftliche und selbstzerst├Ârerische Ehe f├╝hrte. Heute w├╝rde man die Beziehung vermutlich toxisch nennen.

Nin und Miller glichen sich in der Art, ihren Lebenshunger auf eine gnadenlose, r├╝cksichtslose und kompromisslose Art auszuleben. Beide hatten viel Sex und konnten sehr gut dar├╝ber schreiben. Ich sp├╝rte, es kam alles aus dem Unterleib, es war nicht verkopft, obwohl beide sehr intelligent waren und viel miteinander diskutiert haben. ├ťberhaupt – guter Sex und Intelligenz sind keine Gegens├Ątze.

Sex und Schreiben

Nin is hailed by many critics as one of the finest writers of female erotica. She was one of the first women known to explore fully the realm of erotic writing, and certainly the first prominent woman in the modern West known to write erotica. Before her, erotica acknowledged to be written by women was rare, with a few notable exceptions, such as the work of Kate Chopin. (Quelle)

Ich habe Nins erotische B├╝cher “Deltas der Venus” etc nie gelesen. Nach eigener Aussage( in ihren Tageb├╝chern) waren es Texte, die sie gleich nach ihrer Ankunft in Amerika f├╝r reiche Auftraggeber schrieb, um Geld zu verdienen. Mein Interesse daran ist gleich null. Genauso, wie Sex mit Menschen, die daf├╝r bezahlen etwas anders ist, als Sex mit einem geliebten oder zumindest anziehenden Menschen, sind Auftragstexte ┬á– immer etwas leblos.

Nin hatte ein Verh├Ąltnis mit Miller, aber auch eines mit seiner Frau June. Anziehung ist unabh├Ąngig vom Geschlecht und die gro├če Liebe rei├čt alles mit sich. Was Nin ├╝ber ihre Beziehung zu Miller schrieb, konnte ich sehr gut nachvollziehen. In diesem Fall waren Liebe und Leidenschaft zus├Ątzlich mit einer gro├čen Passion f├╝r die Kunst verbunden, dem Schreiben. Ich konnte oder wollte hier auch nie eine Trennung haben. Wen ich liebe, der musste auch die Kunst mit mir teilen. Dass diese doppelte Leidenschaft Opfer kosten w├╝rde, wurde mir erst sp├Ąter klar.

You carry your vision, and I mine, and they have mingled. If at moments I see the world as you see it, you will sometimes see it as I do.ÔÇŁ (Anais Nin to Henry Miller.┬áA Literate Passion: Letters of Ana├»s Nin and Henry Miller, 1932-1953)

Nin vermutet, dass sie 1934 von Miller schwanger wurde, das Kind trieb sie ab.

Leidenschaftliches Schreiben

Anaïs Nin

Ich habe schon vor der Schule lesen gelernt und habe fr├╝h angefangen, eigene Texte zu schreiben, Versuche. Schreiben hat f├╝r mich bis heute mehr mit Emotionen zu tun als mit Verstand. Das hei├čt nicht, dass diese Texte unintelligent, schw├╝lstig, kitschig oder hochemotional sein m├╝ssen.

Es geht darum, die gesp├╝rten Emotionen herauszulassen, sie im ersten Entwurf roh und wild stehenzulassen und sp├Ąter mit dem Intellekt zu pr├╝fen, ob das Geschriebene stimmig ist. Das war nichts, was man in der Schule beigebracht bekam. Sich f├╝r das Schreiben in sich ┬áselbst hineinzust├╝rzen, war nur im Tagebuch “erlaubt” und damit auch gleich schon entwertet und wurde auch gerne als “weiblich” bezeichnet.

Von An├»s Nin habe ich gelernt, das Intellekt und Emotion eine sehr enge Verbindung brauchen, damit gute, interessante, k├╝nstlerische Texte//Kunst entstehen k├Ânnen. Und, dass wer nichts erlebt hat, auch nichts Relevantes zu schreiben hat.

Heute ist mein Blick auf ihr Leben anders, aber der Respekt ist geblieben. Ihr scharfer Verstand und ihre Unerbittlichkeit beim Schreiben beeindrucken mich bis heute, auch wenn ich sie nicht mehr um ihr Leben beneide. Von ihr konnte ich auch lernen: Es geht viel, aber nicht alles. Wenn ich an Anaïs Nin denke, dann denke ich #hungrig.

Podcast

Es gibt eine Podcastreihe zu den 33Frauen auf dem Literatur Radio H├Ârbahn. Jeder Blogbeitrag wird um einen Podcast erg├Ąnzt.

https://literaturradiohoerbahn.com/33-frauen-anais-nin-portrait-von-katrin-bongard/

#Making Of

Making Of – Lass uns fliegen

18. April 2016
Lass uns fliegen

Lass und fliegen - Oetinger Lass uns fliegen Red Bug BooksEs ist das erste Mal, dass ein Buch von mir unter einem Titel – “Lass uns fliegen” – aber in zwei verschiedenen inhaltlichen Versionen vorliegt. Die Printversion ist im Oetinger Verlag erschienen, das E-Book unter meinem eigenen Label Red Bug Books.

Der Text ist gleich, aber es gibt einen anderen Unterschied, den ich mal //k├╝nstlerische Freiheit// nenne. Das Buch habe ich w├Ąhrend eines Literaturstipendiums auf Schloss Wiepersdorf geschrieben und dort viele K├╝nstler getroffen. Also auch Maler. Der Geruch von ├ľlfarbe, die Pr├Ąsentationen, die Zeichnungen – nie habe ich das Malen und Zeichnen ┬áso sehr vermisst wie dort. Wiep_zim1

Schreiben und zeichnen

Also habe ich neben meiner kleinen Schreibkammer, die ich mir schon mit Blumen und Sessel aufgeh├╝bscht hatte, wo mir aber trotzdem langsam die Decke auf den Kopf fiel, auch den Schreibsaal zum Arbeiten genutzt. Es gab einen gro├čen Schreibtisch und Licht und Raum und Luft und, ohne es recht zu merken, habe ich wieder angefangen zu zeichnen. Immer dann, wenn ich eine Schreibblockade hatte, was leicht passiert bei: HIER-STIPENDIUM-SCHREIB!

Das Zeichnen hat mir geholfen, mich wieder freizuspielen. Die Themen und Gedanken, die im Buch eine Rolle spielen, nicht zu trübsinnig werden zu lassen oder zu  leichtfertig, humorig umzusetzen, um auch zu unterhalten. Also die Balance.Wiep_zeich

├ťberarbeiten

Wer schreibt wei├č, dass das ├ťberarbeiten dabei einen gro├čen Raum einnimmt. Immer wieder muss man ├╝ber den Text gehen, ver├Ąndern, klarer machen. Beim Zeichnen ist es etwas anders, man f├Ąngt immer wieder neu an, es sind alles Entw├╝rfe. Sie stapelten sich irgendwann auf meinem Schreibtisch. Sollten gut aussehen, passend, verletzlich, sie sollten einfach sein, ohne simpel zu wirken.

“Grab” – war so ein Thema, was mich lange besch├Ąftigt hat.┬áWiep Zeich_3
Oder meine umgest├╝rzten Kaffeetassen. ToGo-Becher. Ballettschuhe, die immer wie Insekten aussahen.
Nach und nach, im Prozess, verstand ich durch meine Zeichnungen mehr ├╝ber den Inhalt des Textes. Umgest├╝rzte Flaschen, die mir auf einmal klar machten, dass ein Trinker in der Familie die ganze Gruppe umst├╝rzen kann.

Nat├╝rlich wusste ich das – irgendwie – auch vorher, aber erst nachdem ich mich mit meinen Zeichnungen auseinandersetze, wurde mir klar, was es bedeutet – familienaufstellungstechnisch. Oder, dass Tanzen sehr viel mit Stehen zu tun hat. Aufrecht. Selbstbewusst. Und ich kam ├╝ber das Zeichnen ins Gespr├Ąch mit einer Malerin, die mir von ihren eigenen Erfahrungen mit ihrem Ex-Mann erz├Ąhlt hat, einem schweren Trinker. Es machte auf einmal sehr wohl Sinn, dass ich an diesem Ort war, um zu schreiben.

Lass uns fliegen

Alles wurde etwas leichter. Der Text, die Dialoge. Es ging schlie├člich um verschiedene S├╝chte, nicht nur das Trinken, auch das Tanzen, das Lesen ;) Auch um Kunst, das Schreiben, das gl├╝ckliche Leben ├╝berhaupt und ja, auch die Liebe. Wiep_Zeich_4Mir fiel auf, dass ganz oft zwei Tassen, Becher, Skateboards auf meinen Zeichnungen waren. Und sie etwas miteinander zu tun hatten. Hin oder abgewandt waren. Ge├Âffnet oder verschlossen. Das gefiel mir sehr. Ab da wollte ich Zeichnungen im Buch haben. 12 Kapitel, 12 Zeichnungen.

Im E-Book sind sie gro├č und sch├Ân. Der Oetinger Verlag hat leider das Konzept nicht verstanden und sie im Printbuch in lupengro├če Vignetten verwandelt. Schade. Daher wollte ich euch Lesern, die ihr ein Printbuch in den H├Ąnden haltet, nur sagen: Das war (von mir) anders gedacht. Die Zeichnungen geh├Âren dazu. Kunst und Schreiben geh├Âren bei mir zusammen!

 

#Schreiben

Arbeitsstipendium auf Schloss Wiepersdorf

1. April 2015
Schloss Wiepersdorf

Vor ein paar Monaten war abzusehen, dass enorm viel Schreibzeit auf mich zukommen w├╝rde und ich mindestens drei Monate ausschlie├člich Zeit daf├╝r brauchen werde. Ich sah Bergh├╝tten vor mir, Hotelzimmer, abgelegene D├Ârfer. Ich spielte mit dem Gedanken, mich in G├╝lpe einzuquartieren (dunkelster und auch ruhigster Ort von Deutschland), oder einfach nur gegen├╝ber in das Bed & Breakfast zu ziehen und so zu tun, als w├Ąre ich weg. “Katrin? Keine Ahnung, die ist ins Ausland gefahren und kommt erst in drei Monaten wieder.” Irgendwann in dieser Zeit muss ich mich dann wohl auf dieses Arbeitsstipendium┬áauf Schloss Wiepersdorf beworben haben.

Arbeitsstipendium

Als ich den Anruf bekam, dass ich mich f├╝r drei Monate auf Schloss Wiepersdorf┬ázur├╝ckziehen kann, hatte ich die Sache schon fast wieder vergessen. Tja und nun bin ich hier. Seit M├Ąrz. Mitten in der gew├╝nschten Ein├Âde, ganz royal in einem Schloss. Trotz offiziellem Fr├╝hlingsanfang liegt der Garten noch im Winterschlaf, sind alle Skulpturen winterlich in gr├╝nen Holzk├Ąsten versteckt, genauso wie die Pflanzen in der Orangerie. Trotzdem stellt sich schon ein erhabenes Gef├╝hl ein, wenn man durch den Schlossgarten wandelt oder sich im Schloss in goldumrahmten Spiegeln betrachtet.

Stop. Moment mal. Was passiert gerade? Nimmt meine Sprache auch schon einen Gold├╝berzug an, ziert sich, beschreibt manieriert, verlustiert, galant, pittoresk, grotesk. Fuck it. Nope. I have some hard stuff to write. Ich muss mich einleben. Ein Mitstipendiat leiht mir ein Buch ├╝ber Wiepersdorf.┬áDarin finde ich einen Brief von Bettina von Arnim, die hier gewohnt hat und, tja, begraben ist. Lese: “Das Schreiben vergeht einem hier, wo den ganzen Tag, das ganze liebe lange Leben nichts vorf├Ąllt, weswegen man ein Bein oder einen Arm aufheben m├Âchte. Ich kenne keine Gesch├Ąft, was den Kopf mehr angreift als gar nichts tun und nichts erfahren ÔÇŽ” Okay. Wait a minute. K├Ânnte es sein, dass die Sache nach hinten losgeht? Ich hier noch viel weniger mein Schreiben auf die Reihe kriege?

Bettinas Rat

Ich rufe Bettinas Geist heran, ich sp├╝re so etwas wie eine Wahlverandtschaft. Ich verstehe sie. Denn, wenn ich ehrlich bin, dan h**** ich das Landleben, ich brauche die Stadt. Wir verabreden uns am Ententeich. (Ihr Vorschlag.) Wir sehen den Enten beim Rumschwimmen zu. Das macht man hier wohl so, wenn kein Bankett oder eine royale Party ansteht. Und, hey, denke ich,┬áHolden Caulfield, ich wei├č jetzt, wo die Enten aus dem Central Park im Winter hinziehen. Hier gr├╝ndeln sie.

“Tja”, sagt Bettina. “Weshalb denkst du, habe ich dich hierhin mitgenommen und nicht in die Orangerie?” “Weil sie noch zu ist?” “Unsinn, ich kann durch W├Ąnde gehen.” “Aber ÔÇŽ” ┬á“Es geht nicht, darum, was ich kann oder du, sondern die Enten.” Langsam begreife ich. Stadt – Land. Was die k├Ânnen, kann ich auch. Hier d├╝mpeln und wenn es wieder warm wird, geht es zur├╝ck in die Stadt. Bis dahin schreibe ich – da man hier eh nichts anderes machen kann. Also genial. “Und immerhin hast du Internet!”, sagt Bettina. “Jawoll!”

wiep_enten

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Shades of Blue und das eine Buch

12. Februar 2015
Shades of Grey

Okay, die Information ist angekommen. Heute kommt Shades of Grey heraus, der Film. Nach EINEM Buch. Fanfiction, ein Erfolg und nun ist Mrs Leonard/James genauso reich wie Mr. Grey, ein neues Level, ein ganz neues Leben. Das besch├Ąftigt mich, weil meine Schreibprojekte und -auftr├Ąge sich gerade so auft├╝rmen, dass ich genug Arbeit f├╝r┬ádrei ┬áf├╝nf┬áJahre habe. Ich winke mal r├╝ber zu den Bloggern mit dem gro├čen SUBs. Fragt ihr euch nicht auch manchmal, was es f├╝r einen Sinn macht, immer schneller, immer mehr B├╝cher zu lesen? Was zieht man dann noch aus einem Buch, was lernt man, was bleibt h├Ąngen?

Was das Leben ver├Ąndert

W├Ąre es nicht viel besser, EIN Buch zu lesen, das das Leben wirklich beeinflusst, ver├Ąndert? “Ja, aber ich lese doch so gerne”, ist vermutlich die Antwort. Ja, ich schreibe auch sehr gerne. Aber macht es Sinn, ein Buch nach dem anderen zu produzieren? B├╝cher, die mir viel bedeuten, aber dann nur irgendwo auf einem SUB landen, der vielleicht erst in 3-4 Jahren abgearbeitet ist? Ich denke an King und den Unfall. Ihr wisst schon, ich hatte vor einer Weile angefangen,┬á├╝ber “On Writing” von Stephen King zu bloggen. SEIN Buch. Und zwar unter anderem deshalb, um euch dann final von dem unglaublichen Ende zu berichten. Dem kleinen Nachtrag. Der Wahnsinn. Also ÔÇŽ ich hole das mal kurz nach.

Stephen King und das eine Buch

Zur Erinnerung: In “On Writing” schreibt King nicht nur ├╝ber die Kunst des Schreiben, sondern auch von seiner Kindheit, Jugend, seinem Schriftstellerleben, von seiner Drogen- und Alkoholsucht und wie er sie ├╝berwunden hat. Das Leben und das Schreiben eben. Geh├Ârt alles zusammen. Enth├╝llungen in Kombination mit Schreibtipps, ein Lehrwerk, weise, intelligent, genial. Eine Sensation.┬áUnd dann ist das Werk halb fertig, der Verleger wartet schon. Da muss es King wohl ged├Ąmmert haben, dass er gerade DAS Buch schreibt, das sein Leben ver├Ąndern wird. Vielleicht. Ein Spaziergang mit Hund. An diesem 19. Juni 1999 wird King von einem Kleinbus angefahren und schwer verletzt, stirbt fast.

Leben und Schreiben

Er schildert den┬áUnfall┬ádetailliert. Wie er blut├╝berst├Âmt auf der Stra├če liegt und der Mann, der ihn angefahren hat (und nur nebenbei bemerkt ein Jahr sp├Ąter mit 43 exakt an Kings Geburtstag stirbt), mit seinem Rottweiler “Bullet” besch├Ąftigt ist (sein anderer Rottweiler “Pistol” ist zuhause geblieben). Die Szene ist so absurd, dass man sie eigentlich nur in einem Stephen King Roman erwartet, keinesfalls in der Realit├Ąt. Und was macht King, als er wieder gesund ist? Er f├╝gt die Schilderung seines┬áUnfall einfach zu “On Writing” hinzu. Im letzten Kapitel, das er “On Living” nennt. Warum? Geh├Ârt das dazu?

Aufrichtigkeit

Hm, irgendwie schon. Weil alles zusammengeh├Ârt. Jedenfalls f├╝r King, dessen Unfall auch viele seiner sp├Ąteren Werke beeinflusste. F├╝r “On Writing”, hat King den National Book Award bekommen. Verdient, wenn ihr mich fragt. Ein gutes Buch, eine gute Geschichte: Ein Schriftsteller, der erfolglos startet, leidenschaftlich schreibt, k├Ąmpft, einen Bestseller schreibt, dem viele weitere folgen, und dann doch noch dieses EINE Buch schreiben muss, um die Anerkennung zu bekommen, die ihm zusteht. Was ich sagen will: Ich lebe noch, ich schreibe noch, aber gerade mache ich mir viele Gedanken ├╝ber das Schreiben und das Leben. Wenn ihr so wollt: ├ťber das EINE Buch.

Buch

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Wie geht Marketing? I kissed a girl …

22. August 2014
Marketing

Ich bin ganz schlecht im Self Marketing. Ich bewundere Autor*innen, die besser sind, das k├Ânnen. Das machen. Es gibt doch diese Aufkleber: I (Kussmund) Paris. Oder I (Kussmund) New York. Okay, I (Kussmund) Berlin, aber darum geht es gerade nicht. Es geht um einen Aufkleber, den ich bei Facebook gesehen habe und der mich stark ins Gr├╝beln gebracht habt. I (Kussmund) Autorin xy. Eine wirklich selbstbewu├čte Werbeaktion von Autorin xy, die mich a) fasziniert b) stark irritiert c) Fragen aufwirft. Ich habe keinen solchen Aufkleber. Stimmt was nicht mit meiner Selbstvermarktung? Ich frage den Experten yz und lasse ihn einen Blick auf meine Social-Media-Aktivit├Ąten, meine Website, meinen Blog werfen. Es ist ernst.

Social Media

“Okay”, sagt er ganz n├╝chtern, “Facebook k├Ânnen wir mal gleich vergessen, ein paar Posts ├╝ber den Bagger vor der T├╝r und dann mal einen – ab und zu – ├╝ber ein Buchcover oder eine Ver├Âffentlichung? Wenn interessiert das schon? Die Leute wollen NAH an dir dran sein. Wo sind die Post ├╝ber deine Katze, dein Essen, deinen Schreibtisch, deinen Hinterhof?” Er zwinkert mir zweideutig zu. “Darum geht es doch.”

“Zu privat?, hauche ich und wei├č gleichzeitig, dass das heutzutage kein Argument mehr ist. Note 5.┬áOkay, Twitter?, frage ich schon leicht eingesch├╝chtert. Immerhin HABE ich einen Account.

“Twitter?”, sagt er und l├Ąchelt abf├Ąllig. “Auf deutsch? Kannst du gleich knicken. Wenn schon, dann Twitter-Lyrik, da macht Deutsch Sinn aber sonst? Denn – wie viele deutsche Twitterkontakte hast du?”

“Ein-paar-sehr-nette!”, sage ich fest. Er lacht wieder (sehr witzig).

Ich atme tief ein.

Website & Blog

Ich habe immerhin noch eine Website und einen Blog. Ich finde, da bin ich stark. Er ruft die Website auf. Sie findet Gnade.

“Na gut. Okay.”

“Der Blog?”

Er schaut genauer. “Sind das echt die Blogbeitr├Ąge? Vorschl├Ąge, wie man besser schreibt?”

“Von Stephen King, murmele ich leise.

“Oder Vorschl├Ąge wie man besser bloggt?” (Echtes Entsetzen.)┬áIch schweige besser. “Meinst du, das wollen die Leute lesen? Sich von dir belehren lassen?”

“Nein?”

“Nein, nein, nein. Du musst die Leute f├╝r dich einnehmen, sie umschmeicheln, sie umwerben! Das ist gutes Marketing.”

“Ach so”, sage ich kleinlaut. “Ich dachte … es ging auch um das gro├če … Ganze. Die … Literatur.” Er lacht, diesmal sehr laut. “Aber daf├╝r bist du doch nicht verantwortlich. Was interessiert dich denn, ob es da drau├čen ein paar gute B├╝cher oder Autoren oder Blogbeitr├Ąge mehr oder weniger gibt? Denk an dich! Dein Gesch├Ąft.”

Kunst & Gesch├Ąft

Aha. Langsam werde ich sauer: “Mein Schreiben ist doch kein Gesch├Ąft!” (Okay, ich wei├č, dass sich┬áWikipedia-Autoren┬ádar├╝ber streiten, ob ich eher K├╝nstlerin oder Gesch├Ąftsfrau bin, weil ich meine Kinder als Agentin im Filmgesch├Ąft vertrete, aber die haben doch ├╝berhaupt keine Ahnung). “Ich – bin – K├╝nstlerin. Ich will die Welt verbessern, sch├Âner machen.” Jetzt lacht auch der Experte nicht mehr, sondern sieht mich nur noch sehr mitleidig an.

“Die Welt verbessern? (prust) Aber daf├╝r hast du mich doch nicht engagiert, oder?”

Nein, nat├╝rlich nicht. Ich zeige ihm die Aufkleber. “Sollte ich das machen? I (Kussmund) Katrin?”

“Tja, sagt er, die Idee hat was.”

“Echt jetzt? Wirklich? Ich denke mal, mein Ego ist nicht so gro├č, dass ich … Aufkleber? Wirklich!?”

Er schaut mich traurig an. “Wer will, dass andere einen lieben, sollte vielleicht erst einmal anfangen, sich selber zu lieben, oder?” Er l├Ąchelt. “Das m├╝ssen wir alle irgendwann lernen.” Wir schweigen einen Moment. Ich ganz besonders. Dann bringe ich ihn zur T├╝r und winke ihm nach. Aufnimmerwiedersehen.

Ich nehme mein iPhone heraus, Kamera auf mich. Es ist doch nur ein Kuss! I (Kussmund) mein iPhone. War doch gar nicht so schwer, oder?

 

 

 

Stephen King - On Writing

Stephen King – On Writing #23 Der Rat eines Experten

5. April 2014
Der Rat eines Experten

Warum hat King┬áOn Writing┬á├╝berhaupt geschrieben? Ich meine, warum schreibt ein erfolgreicher Autor ein Buch dar├╝ber, wie man schreiben soll/kann/muss? Im letzten Jahr hatte ich das Vergn├╝gen, mit einem Gesch├Ąftsexperten zu sprechen. Ich durfte ihm eine Frage stellen, die mich bewegt und bekam – den Rat eines Experten.

Meine Frage war: “Wie kann ich mehr Leser mit meinen B├╝chern erreichen?”

Seine Antwort war simpel: “Wenn du mehr Leute erreichen willst, solltest du die Qualit├Ąt senken.”

Sorry? Ich arbeite Jahrzehnte an meiner Sprache, meinem Stil, damit ich dann meine Qualit├Ąt senke? Nachdem ich vergeblich versucht habe, ihn davon zu ├╝berzeugen, dass es noch einen anderen Weg gibt, kam ich mit meinem st├Ąrksten Argument:

“Das kann ich nicht machen. Ich stehe mit meinem Namen f├╝r eine gewisse Qualit├Ąt.”

Lapidare Antwort: “Dann nimm dir doch einen anderen. Ein Pseudonym.”

Verstehe:┬áEin pseudonym. Wie w├Ąre es mit: Catherine Bong├ę (historische Liebesromane aus Frankreich) oder Kate Bonnet (Zeitgen├Âssische Liebesromane ┬áaus Amerika). Ich habe einige Tage gebraucht habe, um mich von diesem Ratschlag zu erholen. King war da wohl nicht so empfindlich, er hatte mindestens zwei Pseudonyme: John Swithen und Richard Bachman. (Und reden wir besser nicht ├╝ber die B├╝cher, die er unter diesem Pseudonym geschrieben hat.)

Pseudonym

Warum will man anders hei├čen, wenn man KING hei├čt? Nun, King hat “On Writing” sicher nicht geschrieben, um sich selber etwa beizubringen, er kann schreiben. Aber wissen das auch alle? Denn in Buchkreisen hei├čt es eben auch (siehe oben) gerne: Was sich so gut verkauft, kann nicht gut geschrieben sein. Also ging es bei “On Writing” f├╝r King nicht um gro├če Buchverk├Ąufe oder dem ├╝blichen Erfolg, sondern um die Anerkennung bei Literaturkenner und Experten. Den Leuten, die etwas vom Schreiben verstehen. Denen wollte er erkl├Ąren, dass er sehr wohl den Unterschied zwischen gut und schlecht kennt und dass er – wenn er will – auf h├Âchstem Niveau schreiben kann. Stimmt. Ein ganzes Buch um den Beweis anzutreten.

Und was mache ich? Vielleicht hat der Experte ja recht, aber┬áich werde meine Qualit├Ąt nicht senken. Und ich werde mich auch nicht in verschiedene Schreibpers├Ânlichkeiten zerlegen, das erinnert mich an Horkruxe. Wenn der Experte also recht hat, dann liebe Leser, willkommen in meiner kleiner exklusiven Leserschaft. F├╝r euch schreibe ich. Und vielleicht auch┬áum den Experten – nun – zumindest teilweise zu widerlegen.

 

Stephen King - On Writing

Stephen Kings “On Writing” #18 Schreibpausen

3. November 2013
Schreibpausen

Wenn ich einen Plan aufstelle, wie lange und oft ich schreiben will oder sogar noch weiter gehe und mir vornehme, wie viele Seiten ich t├Ąglich schreiben will, dann ist ziemlich sicher, dass ich eine Pause brauche.

Nat├╝rlich ist es ein verf├╝hrerischer Gedanke, jeden Tag eine bestimmte Menge zu schreiben und dann mit diesem guten Gef├╝hl vom Schreibort aufzustehen: F├╝r heute alles geschafft. Na klar. So macht man 50 Jahre weiter und dann hat man endlich das Leben geschafft und – ja┬áwas? Egal wie stolz King auf sein Schreibpensum ist, ich behaupte (und etwas sp├Ąter in “On Writing” sagt King das auch) Schreibpausen sind enorm wichtig. Vielleicht sogar die allerwichtigsten Phasen im Schreibprozess. Nicht nur, wenn man ein Buch fertig geschrieben hat.

Urlaub

Ich war also sehr froh, als mich meine beste Freundin zu sich in die Provence eingelanden hat. Um es gleich zu sagen: Sie wohnt im Paradies. Ein Haus im Hinterland der Provence. Feigen-, Lorbeer- und Olivenb├Ąume, Salbei, Thymian und Rosmarin im Garten. Ich lausche in die Natur, die leise raschelt, sonst nichts. Nachts keine Autos, schon gar keine Baustelle, noch nicht mal bellende Hunde wie im Ferienhaus in Italien.

Ich frage mich, ob ich hier ein Buch schreiben k├Ânnte? Viele Autoren ziehen in abgelegene Orte und schreiben. Ist das was f├╝r mich? Dann erinnere ich mich, dass ich eine zeitlang in Berlin in einem Haus mit einem riesigen Obstgarten gewohnt habe. Es ist ja nicht so, dass die Natur einen in Ruhe l├Ąsst. Im Grunde macht sie andauernd Vorschl├Ąge, was man in und mit ihr anstellen k├Ânnte. ├äpfel ernten und Rasen m├Ąhen. Und hier, in einer der sch├Ânsten Gegenden Europas sind die Vorschl├Ąge erst recht unwiderstehlich.

Rastlos in der Ruhe

Eine Wanderung durch die Gegend zum Beispiel. Grandiose Aussicht, wilde Olivenb├Ąume. Sollte man die Oliven vielleicht ernten, in Salzlake einlegen und seinen Freunden irgendwann zu K├Ąse und Wein anbieten? Was ist mit den Feigen, die man wunderbar zu Marmelade kochen kann? Versteht mich richtig, ich sehne mich nicht danach, Oliven einzulegen oder Feigenmarmelade zu kochen, aber sich in einer solchen Gegend ins Haus zu setzen und auf seinem Laptop zu schreiben, kommt mir unanst├Ąndig vor. Ich will die Buchten sehen, wo man schwimmen kann, das Licht erleben, die seltsam zerkl├╝fteten Felsen in La Ciotat, in einem Restaurant im Hafen von Cassis essen, in einem kleinen Gesch├Ąft bei einem alten Franzosen selbstgemachten Pastis kaufen.

schreibpausenIch genie├če die Schreibpause und gleichzeitig sauge ich Eindr├╝cke auf. Ich wei├č schon jetzt, dass eines meiner zuk├╝nftigen B├╝cher in dieser Gegend spielen wird. Warum nicht meine Heldin Oliven einlegen lassen? Dann kann ich mir vorstellen, wie sie das macht und irgendwie muss ich es dann auch gar nicht mehr selber tun. Schon nach einem Tag habe ich das Gef├╝hl, in einer viel wichtigeren Phase, als einer meiner Schreibphasen zu sein. Ich tanke auf. Urlaub?

Kreative Schreibpausen

Wenn man kreativ arbeitet, dann gibt es keinen Urlaub. Denn genauso wenig wie man aufh├Ârt zu essen, h├Ârt man auf, Eindr├╝cke aufzunehmen. Und im Grunde gibt es im kreativen Prozess auch keine Arbeit, denn wenn es sich nach Arbeit anf├╝hlt, ist schon etwas falsch. Dann braucht man eine Pause. In einem abgelegenen Haus in der Provence begreife ich, dass ich mich gerade nicht etwa in einer Schreibpause befinde, sondern endlich wieder richtig angefangen habe zu schreiben. Auch wenn ich keinen einzigen Satz in meinem Laptop sichere.

Stephen King - On Writing

Stephen Kings “On Writing” #12 Der Hit

23. September 2013
Der Hit

Bei King beginnt ein neues Kapitel, nach “Toolbox” folgt “On Writing”. Wenn ein Buch”On Writing” hei├čt und man an das Kapitel “On Writing” kommt, dann ist man zum Herzst├╝ck des Buches vorgedrungen. Interessanterweise auch genau in der Mitte.

FotoEs ist wie mit einer LP. Der Song, der wie die Platte hei├čt, okay, hier erwarten wir den Hit. Aber anders als der Hit auf der Platte, wo wir zu Recht erwarten, nun Abtanzen zu k├Ânnen, kommt bei King an dieser Stelle die harte Lektion.

Harte Worte

Die erste These hat er uns im Kapitel davor schon erz├Ąhlt: Gutes Schreiben besteht darin, die Grundlagen zu beherrschen (Wortschatz, Satzbau, Stilelemente) und sie richtig anzuwenden. Seine Worte:

… filling the third level of your toolbox with the right instruments.

Hat er vorher wirklich ├╝ber das dritte Level der Toolbox gesprochen? Nein, nicht wirklich, also schaut mich jetzt nicht fragend an.

Gute, gro├čartige, f├Ąhige und schlechte Autoren

Die zweite These ist etwas unkonventioneller: W├Ąhrend es ┬áunm├Âglich ist, aus einem schlechten Autoren einen f├Ąhigen/t├╝chtigen zu machen, oder aus einem guten Autoren einen gro├čartigen, ist es sehr wohl m├Âglich, mit viel harter Arbeit und Unterst├╝tzung aus einem blo├č einigerma├čen f├Ąhigen Autoren einem gro├čartigen zu machen. What?

Ich kann das nur verstehen, wenn ich es auf das Schauspiel ├╝bertrage. Ich sehe seit zehn Jahren Schauspieler am Set spielen, ich bekomme regelm├Ą├čig Videomaterial zugesandt oder angehende Schauspieler spielen mir vor. Ich war immer davon ├╝berzeugt, dass man Schauspiel – nat├╝rlich – lernen kann und alles m├Âglich ist. Ich habe diese ├ťberzeugung verloren und ich w├╝rde King, h├Ątte er das Obige ├╝ber das Schauspiel gesagt, sofort zugestimmen. Vielleicht, weil ich betriebsblind bin, was das Schreiben angeht. Beim Schauspiel ist es f├╝r mich ganz eindeutig. Mittelm├Ą├čige Schauspieler werden keine gro├čen Schauspieler, grottige Schauspieler keine mittelm├Ą├čigen. Aber – wenn jemand das Besondere “ginga” hat, dann kann er mit viel Leidenschaft und einem guten Training praktisch von der Grundlinie aus ganz gro├č werden.

Underdogs

King ist ein Freund der Underdogs, die es nach oben schaffen. Nun, er ist selber einer. Und wie die meisten Underdogs ist er ein gro├čer Verfechter von harter Arbeit. Ich bin kein Underdog, nie gewesen, eher das Gegenteil, aber ich wei├č, wovon ┬áer spricht, und ich wei├č, dass man die Grundlagen lernen muss. Ins Basement gehen. Harte Arbeit. Und wenn man sich dort eingerichtet hat, dann kommt vielleicht die Museoder der Muser (bei King ist es ein Mann – sorry for that) und f├╝gt Magie hinzu.

Sind wir schon wieder bei der Magie? Gibt es denn gar nichts Handfestes? Vielleicht nach der Mitte des Buches. Mal sehen.

 

Stephen King - On Writing

Stephen King – On Writing #3 Baustelle

14. September 2013
Baustelle Schreiben

Es ist nicht so, dass ich die n├Ąchsten Blogbeitr├Ąge vorhabe, einen Vortrag ├╝ber “On Writing” zu halten. Es ist nur so, dass ich alles, was mich gerade besch├Ąftigt, mit diesem Buch in Zusammenhang bringen kann, woran ich merke, dass es ein sehr gutes Buch ist. Sogar die Baustelle vor meinem Haus ;)

Stephen King ist ja ein alter Hase und ein Schlitzohr, er ist nicht zuf├Ąlllig so erfolgreich. Wie ist das eigentlich mit dem Verh├Ąltnis von Werk zu Autor*in oder von dem Buch, das man gerade schreibt, zum eigenen Schreiben. King zitiert in “On Writing” seinen ersten (echten) Agenten mit den Worten von Alfred Bester: “Das Buch ist der Boss”.

Das Buch ist der Boss

Ja, klar, wir Autoren wissen das. Nat├╝rlich. Und auch f├╝r Stephen King war das so. “On Writing” war der Boss. Es war nicht nur ein Schreibprojekt, es war sein eigener Thriller, sein Horror. Warum? Weil es eine Baustelle unvorstellbaren Ausma├čes war.

Kurzer Exkurs: Wir haben eine Baustelle vor der T├╝r. Ich wei├č, ihr denkt jetzt, das kennt ihr. Ich will auch gar nicht angeben – oder doch! Heute Nacht zum Beispiel wurde durchgearbeitet. (Damit der Nahverkehr m├Âglichst wenig unter den Bauarbeiten leidet.) Das liegt daran, dass wir an einer der Hauptachsen der Stadt wohnen.

Ich mag das. Egal, zu welchem ├Âffentlichen Geb├Ąude ich in Potsdam muss, es liegt praktisch an unsere Stra├če. Der Steuerberater gleich gegen├╝ber, auch die Meldestelle, das Stra├čenverkehrsamt, alle Lieblingskaffees, die B├╝cherei, der Bahnhof (die Stra├če ist lang). Das ist wie wenn man an einem Schreibtisch sitzt und alle Stifte und Bl├Âcke oder eher Schreibger├Ąte und Gadgets parat hat. Keine unn├Âtige Sucherei oder Wege. Ich finde auch die Baustelle gut. Nicht nur, weil in den letzten Jahren immer mal wieder ein rei├čender Fluss aus ihr wurde, wenn ein Wasserrohr gebrochen war, sondern weil ich Umbr├╝che und Ver├Ąnderungen mag.

Umbr├╝che

FotoIch meine: m├Âgen hei├čt nicht lieben. Es hei├čt, ich bin froh, wenn sie kommen, denn freiwillig w├╝rde ich mich nicht in eine Umbruchssituation begeben. Ich erinnere mich, wie die Autorin Hera Lind auf dem H├Âhepunkt ihres Erfolges in einem Interview gefragt wurde, was sie gerne an ihrem Leben ver├Ąndern m├Âchte und sie sagte: “Nichts.”

Kurz darauf zerbrach ihre Beziehung, die Presse st├╝rzte sich auf sie, sie ging bankrott u.s.w. Weil nichts bleibt wie es ist. Wenn ich ein Buch schreibe oder eine Geschichte und alles bleibt darin so wie es ist, dann kann ich mir selber einen Stern in mein Schulheft malen, denn mehr wird es von den Lesern auch nicht geben.

Ich finde nicht gut, dass die Stadtverwaltung hier s├Ąmtliche B├Ąume in der Stra├če gef├Ąllt hat, aber es w├Ąre dumm zu denken, eine Ver├Ąnderung w├Ąre ohne Opfer m├Âglich. Bis jetzt finde ich, sind wir ganz gut weggekommen, denn heute Nachmittag hatte ich das Gef├╝hl, das Haus st├╝rzt ein, als sie vor unserer Haust├╝r die Stra├če aufgebrochen haben.

Okay, sorry, das war ein l├Ąngerer Exkurs. Ich wollte euch auch nur den Zustand “Baustelle” m├Âglichst plastisch vor Augen f├╝hren, denn wenn man ein Buch beginnt, dann ist es das: Man nimmt sich eine Baustelle vor. Baustelle Schreiben. In der Regel wackelt dann nicht das Haus. Bei Stephen King war es sogar ein wenig mehr …