Stephen Kings “On Writing” #18 Schreibpausen

Schreibpausen

Wenn ich einen Plan aufstelle, wie lange und oft ich schreiben will oder sogar noch weiter gehe und mir vornehme, wie viele Seiten ich täglich schreiben will, dann ist ziemlich sicher, dass ich eine Pause brauche.

Natürlich ist es ein verführerischer Gedanke, jeden Tag eine bestimmte Menge zu schreiben und dann mit diesem guten Gefühl vom Schreibort aufzustehen: Für heute alles geschafft. Na klar. So macht man 50 Jahre weiter und dann hat man endlich das Leben geschafft und – ja was? Egal wie stolz King auf sein Schreibpensum ist, ich behaupte (und etwas später in “On Writing” sagt King das auch) Schreibpausen sind enorm wichtig. Vielleicht sogar die allerwichtigsten Phasen im Schreibprozess. Nicht nur, wenn man ein Buch fertig geschrieben hat.

Urlaub

Ich war also sehr froh, als mich meine beste Freundin zu sich in die Provence eingelanden hat. Um es gleich zu sagen: Sie wohnt im Paradies. Ein Haus im Hinterland der Provence. Feigen-, Lorbeer- und Olivenbäume, Salbei, Thymian und Rosmarin im Garten. Ich lausche in die Natur, die leise raschelt, sonst nichts. Nachts keine Autos, schon gar keine Baustelle, noch nicht mal bellende Hunde wie im Ferienhaus in Italien.

Ich frage mich, ob ich hier ein Buch schreiben könnte? Viele Autoren ziehen in abgelegene Orte und schreiben. Ist das was für mich? Dann erinnere ich mich, dass ich eine zeitlang in Berlin in einem Haus mit einem riesigen Obstgarten gewohnt habe. Es ist ja nicht so, dass die Natur einen in Ruhe lässt. Im Grunde macht sie andauernd Vorschläge, was man in und mit ihr anstellen könnte. Äpfel ernten und Rasen mähen. Und hier, in einer der schönsten Gegenden Europas sind die Vorschläge erst recht unwiderstehlich.

Rastlos in der Ruhe

Eine Wanderung durch die Gegend zum Beispiel. Grandiose Aussicht, wilde Olivenbäume. Sollte man die Oliven vielleicht ernten, in Salzlake einlegen und seinen Freunden irgendwann zu Käse und Wein anbieten? Was ist mit den Feigen, die man wunderbar zu Marmelade kochen kann? Versteht mich richtig, ich sehne mich nicht danach, Oliven einzulegen oder Feigenmarmelade zu kochen, aber sich in einer solchen Gegend ins Haus zu setzen und auf seinem Laptop zu schreiben, kommt mir unanständig vor. Ich will die Buchten sehen, wo man schwimmen kann, das Licht erleben, die seltsam zerklüfteten Felsen in La Ciotat, in einem Restaurant im Hafen von Cassis essen, in einem kleinen Geschäft bei einem alten Franzosen selbstgemachten Pastis kaufen.

schreibpausenIch genieße die Schreibpause und gleichzeitig sauge ich Eindrücke auf. Ich weiß schon jetzt, dass eines meiner zukünftigen Bücher in dieser Gegend spielen wird. Warum nicht meine Heldin Oliven einlegen lassen? Dann kann ich mir vorstellen, wie sie das macht und irgendwie muss ich es dann auch gar nicht mehr selber tun. Schon nach einem Tag habe ich das Gefühl, in einer viel wichtigeren Phase, als einer meiner Schreibphasen zu sein. Ich tanke auf. Urlaub?

Kreative Schreibpausen

Wenn man kreativ arbeitet, dann gibt es keinen Urlaub. Denn genauso wenig wie man aufhört zu essen, hört man auf, Eindrücke aufzunehmen. Und im Grunde gibt es im kreativen Prozess auch keine Arbeit, denn wenn es sich nach Arbeit anfühlt, ist schon etwas falsch. Dann braucht man eine Pause. In einem abgelegenen Haus in der Provence begreife ich, dass ich mich gerade nicht etwa in einer Schreibpause befinde, sondern endlich wieder richtig angefangen habe zu schreiben. Auch wenn ich keinen einzigen Satz in meinem Laptop sichere.

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