Stephen Kings “On Writing” #22 Kill your darlings

Kill your darlings

Kill your darlings ist vermutlich der Satz, den ein Drehbuchautor sich am meisten anhören muss, wenn er mit Produzenten oder Redakteuren zusammen arbeitet. Drehbuchautoren hätten da auch noch einen anderen Vorschlag: Kill the producer …  Und ja, richtig, auch der hat seine Berechtigung.

Ich finde diesen Satz jetzt natürlich auch im nächsten Kapitel von Stephen Kings “On Writing”. Nach all den Überlegungen von King zu Sprache und Charakteren und Dialog und Schreiborten und Pensen ist nun nämlich alles auf dem Tisch und – wie sagt es King so schön:

“You should use anything that improves the quality of your writing and doesn’t get in the way of your story.”

So leicht wie Backen

Okay, das hört sich so an, als ob jemand einen Haufen Backuntensilien auf den Tisch wirft und sagt: Mach mal! Und erinnert mich an meinen Vater, der, als er anfing zu kochen, schon bei “trenne ein Ei” scheiterte: “Wieso steht dann da nicht wie?” Nun, ich kann backen. Bei King geht es ja auch schon um das Schreiben für Fortgeschrittene.

Also zurück zu Kill your darlings, was dafür steht, dass man sich als Autor so gerne in schöne Worte, Sätze, Charaktere oder Dialogpassagen verliebt und übersieht, dass sie der ganzen Geschichte nicht nützen oder sogar schaden. Oder einfach überflüssig, pathetisch oder zu dick aufgetragen sind. Adjektive. Wie “blutjung” oder “wunderschön”oder “herzzerreißend”. Wie “verschmitzt”, mein persönliches Hassadjektiv, da es veraltet und betulich ist. Weg damit. Sofort. Oder Phrasen wie: “Sich tief in die Augen sehen”, “Fluchen wie ein Bierkutscher”, “Stein und Bein schwören”, “Seinen Gedanken nachhängen”. Umbringen. Auf der Stelle.

Warum? Weil sie nichts Neues erschaffen, sondern einfach nur so klingen, wie … Phrasen. Etwas, das Schriftsteller nicht benutzen sollten. Weil Schriftsteller so heißen, weil sie Schrift stellen und zwar individuell und kreativ und so, dass im Kopf des Lesers ein neuer Kosmos entsteht. Und bei “sie sahen sich tief in die Augen” sind wir auf Soap-Niveau. Nicht neu, sondern immer wieder das schon Bekannte.

Oder wunderbare Passagen, die nichts zur Handlung beitragen. Einfach nur selbstverliebte Gedankenspiele sind.

Etwas Neues erschaffen

Es geht aber darum, etwas wirklich Neues zu schreiben. Und das Schöne daran ist:

“There is absolutly no need to be hidebound and conservative in your work …” (King)

Kurz und auf deutsch gesagt: Du als Autor hast die Freiheit, dein Schreiben zum Besten und Außergewöhnlichsten zu machen, was dir möglich ist. Rock and Roll, baby. Negative Erfahrungen eingeschlossen.

Als ich meinen ersten Rührkuchen gebacken habe und das Rezept las, stand da: Mehl, Mondamin, Eier, Milch etc. Ich dachte mir: Verdammt, Mondamin habe ich nicht, aber es scheint etwas wie Vanillepulver zu sein. Verzichtbar. Und habe es weggelassen. Der Kuchen wurde ein Block aus Eiern und Mehl und schwamm in Butter. Ungenießbar. Und faszinierend. Vanillezucker – verzichtbar, Mondamin – essentiell. Kill your darlings … aber nicht den ganzen Kuchen.

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