Stephen King - On Writing

Stephen Kings “On Writing” #10 Was geht gar nicht?

21. September 2013
Was geht gar nicht?

Wie geht es weiter mit Kings Toolbox? Ich habe das GefĂŒhl, mein Werkzeugkasten ist schon voll, aber King hat gerade mal die erste Schublade gefĂŒllt. Gut, relax! King hat ein kleines LĂ€sterkapitel eingebaut. Eine Auszeit von den Werkzeugen. Formulierungen, die ihn aufregen. Er bleibt dabei erstaunlich nah an William Strunk und seiner Lehre “The Elements of Style”. Nun ja, erstaunlich?

“In 2011, Time magazine listed The Elements of Style as one of the 100 best and most influential books written in English since 1923″ (Wikipedia)

Also ich schĂ€tze, das sollte man als angehender Schriftsteller wirklich lesen. Strunk hat Abneigungen gegen bestimmte Formulierungen wie: “…die Tatsche, dass”, “ungefĂ€hr so …” Oder andere geschwollene Formulierungen. Seine Meinung: Sag es einfach und direkt. King hat seine eigenen Abneigungen: “That’s so cool”, ist eine Formulierung, die er hasst. Ganz besonders nerven ihn zwei Dinge und ich weiß, dass fast alle amerikanischen Autoren zumindest den 2. Punkt verinnerlicht haben, denn ich lese es stĂ€ndig auf  amerikanischen Schreiblogs.

Die passive Form

Punkt 1. Was geht gar nicht – Die passive Form. Kings Beispiel: Der Körper wurde aus der KĂŒche getragen und auf das Sofa gelegt. Klingt nicht so schlecht, möchte man meinen, auch auf Englisch nicht. Sie trugen ihn aus der KĂŒche und legten ihn auf das Sofa. ist trotzdem der bessere Weg. Ich mag die Argumentation von King. DU bist der Autor deiner Geschichte, ĂŒbernimm – verdammt noch mal – Verantwortung fĂŒr das, was du schreibst. Zieh dich nicht dauernd aus der AffĂ€re. Schreibe nicht stĂ€ndig passiv, werde aktiv.

Noch ein Beispiel: Mein erster Kuss wird mir immer als das Ereignis im GedĂ€chtnis bleiben, mit dem meine Beziehung zu  ihr begann. King dazu ganz lapidar: “Oh man – who farted, right?” Ich weiß, dass viele Leser sich genau durch diese SĂ€tze, die man ja auch erst einmal hinbekommen muss, gerne tĂ€uschen lassen. Sie fĂŒr wundervoll und gefĂŒhlvoll halten. FĂŒr anspruchsvoll. In Wirklichkeit ist es warme Luft. Wie wĂ€re es mit: Die Beziehung zu ihr begann mit einem Kuss. Ich werde ihn nie vergessen.

Literaturkritik und Leser

Die Literaturkritiker werden King zustimmen, Leser ihm vermutlich widersprechen. Das ist hart, hier muss man als Schriftsteller eine Entscheidung treffen. Nicht zwischen Literaturkritiker und Leser, sondern zwischen gutem und schlechtem Stil. Interessant ist, dass sowohl Strunk als auch King den Leser sehr genau im Blick haben. Ich interpretiere das mal auf meine Art: Der selbstbewusste, aktive Autor, muss dem Leser nichts beweisen. Er WEISS, dass er ein guter Liebhaber ist. Er ist offen, ehrlich und direkt. Er sagt: Ich liebe dich! zum Leser statt: Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Beziehung Aussicht auf großen Erfolg hat.

Vermeide Adjektive

Punkt 2. Ist fast schon eine Religion unter amerikanischen Autoren: Vermeide Adjektive, insbesonders als Zusatz im Dialog. Was ist falsch an: Das MĂ€dchen streichelte die runzelige Hand der alten Frau und sagte mit gebrochener Stimme …  oder: Er beugte sich mit einer sanften Bewegung ĂŒber ihren zarten Hals und kĂŒsste sie leidenschaftlich? Nun, es ist schlechter Stil. Sorry. Wieder werden hier die Meinungen von Lesern und Kritikern vermutlich weit auseinandergehen. “Es ist doch so romantisch” gegen “Das ist mies.”Foto

King ist streng: Er ist auch gegen:

“Er schloss die TĂŒr fest.”

Und was ist damit falsch? Nun, wenn man hier ein Adjektiv braucht, sagt King, dann ist vorher schon etwas schief gelaufen. Dann hat der Autor nicht beschrieben, in welcher Stimmung die TĂŒr geschlossen wurde. Denn wenn er es beschrieben hat – dann ist es klar. Wenn der Situation ein Streit vorhergegangen ist oder der Charakter vor jemanden weglĂ€uft. Aber dieses eine Wort kann die Arbeit nicht ersetzen, die sich der Autor machen muss. Und an diesem Wort merkt man: Er hat sich die Arbeit nicht gemacht.

Weniger ist mehr

Ich mag diese Regeln von King. Ich lese auch lieber “Ich liebe dich”, als “Ich liebe dich leidenschaftlich/sehr/mit ganzem Herzen/bis ans Ende meines Lebens.” Ich meine: Braucht Ich liebe dich ernsthaft noch eine nĂ€here Beschreibung?

Ich denke sogar, dass es weniger Scheidungen gĂ€be, wenn man Adjektive bei LiebeserklĂ€rungen stets vermeiden wĂŒrde. Aber das ist meine ganz eigene Meinung.

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