Making Of – Es war die Nachtigall #2 Romeo und Julia

Making Of – Nachtigall – Romeo und Julia

“Es war die Nachtigall”  – ist (auch) eine moderne Romeo und Julia Geschichte.

Im September ’20 fahre ich nach Dresden zu Read’n’ Talk. Es sind meine ersten “Lesungen” nach der Corona-Stay-at-home-Situation und es ist auch das erste Mal, dass ich mit Leser*innen live über die Nachtigall sprechen werde, daher fand ich ein erweitertes Making Of eine gute Idee. Okay, Romeo und Julia!

Während der erste Making-Of-Beitrag sich hauptsächlich um die praktische Entstehung des Buchs dreht, geht es in diesem Beitrag:  #2 Romeo und Julia um Inspirationsquellen und Themen des Buches und klärt vielleicht ein paar Fragen, die mir oft zum Buch gestellt werden.

Ein modernes Romeo und Julia

Romeo und Julia – das ist die tragische Liebesgeschichte zweier junger Liebender, die aufgrund der Feinschaft ihrer Familien nicht offiziell zusammenkommen können und am Ende aus Verzweiflung sterben. Wer Romeo und Julia von William Shakespeare nicht kennt, kann die Geschichte hier ausführlicher nachlesen.

Mich interessierte an der Geschichte die Liebesgeschichte, aber noch ein paar andere Aspekte, die nicht so naheliegend sind.

Romeo und Julia

Ich habe Romeo und Julia schon oft im Theater gesehen, als Tanzaufführung und Musical auch schon etliche Romanadaptionen gelesen. Der Stoff ist so populär, dass man schon fast das Gefühl hat, man sollte sich von ihm fern halten. Doch ich dachte mir, was so bekannt und beliebt ist, muss mehr als eine einfache Liebesgeschichte sein. Also wollte ich das Urstück und die Kernaussage verstehen und fragte mich – wo und wann und wie denn eigentlich alles begann? Denn Shakespeare war nicht der Erste, der sich mit dem Stoff beschäftigte.

In der Novellenliteratur der Renaissance wird die Geschichte in den grundlegenden Zügen bereits im Novellino des Masuccio von Salerno 1474 dargeboten; durch neue Eigennamen und zusätzliche Handlungselemente wie etwa die Balkonszene oder den doppelten Selbstmord am Ende erhält sie bei L. da Porto um 1535 ihre vertraute Gestalt. (Quelle)

Und es gibt weitere Vorlagen für den Stoff:

  • Arthur Brookes Epos The Tragical History of Romeus and Juliet von 1562.
  • Sowohl Brooke als auch William Painter mit Rhomeo and Julietta von 1567 benutzten
  • die französische Fassung von Pierre Boaistuau (1559), die wiederum auf
  • Matteo Bandellos Romeo e Giulietta (1554) und
  • Luigi da Portos Giuletta e Romeo (um 1530) zurückgreift. 

Dass eine Geschichte so oft kopiert und weitergereicht wird, ist interessant. Was macht die Geschichte aus?

Dramaturgie der Geschichte

Shakespeare benutzte vor allem Brooks Geschichte als Vorlage, also sah ich mir an, was Shakespeare anders oder moderner als Brooks gemacht hat, denn Shakespeare schrieb seine Fassung 1594–96, also 30 Jahre nach Brookes Fassung. Für das Setting spielte der Zeitunterschied keine Rolle, da die Handlung von Romeo und Julia im 14. Jahrhundert in Verona/Italien spielen soll. Das blieb also gleich. Doch …

Brooks betont in der Vorrede zu seiner Erzählung den exemplarischen Charakter seiner Geschichte. So in etwa:  Hey, Leute, lest das, sehr euch das an, so sollt ihr es auf keinen Fall machen, denn das endet böse. In diesem Fall: Ungehorsam Eltern und anderen Ratgebern gegenüber, Bestrafung der ungezügelten Leidenschaft. (*hüstel*: Sind das nicht genau die Dinge, die Romeo und Julia so interessant machen?)

Hier ist der erste deutliche Unterschied zu Shakespeare, der auf Brookes moralisierende Kommentare verzichtet und sämtliche Reflexionen in das Bewusstsein der Figuren mit ihrer jeweils eingeschränkten Perspektive verlagert . Das ist schon einmal sehr viel moderner.

Die Liebenden stehen genau wie bei Brookes im Konflikt mit der übrigen Welt (der Erwachsenen), aber Shakespeare sucht die Schuld für das dramatische Ende nicht bei den Liebenden. Ganz im Gegenteil. Er macht die beiden sehr viel jünger und damit unschuldiger und legt damit den Schwerpunkt der “Anklage” auf die Eltern(generation). Hey, wenn ihr nicht so verbittert gestritten hättet …

Heirat und Liebe

Geheiratet wurde auch im 16. Jh wesentlich eher aus wirtschaftlichen Erwägungen als aus Liebe. Doch bei Romeo und Julia hätte es kein Problem mit einem Standesunterschied gegeben, sie kamen beide aus reichen Familien.

Der Streit der Familien – die alte Tradition – ist der einzige Grund für die Weigerung der Eltern und Freunde, die Beziehung anzuerkennen. Es ist aber nicht der einzige Grund für den Tod der Liebenden. Auch die jugendliche Ungeduld und Unerfahrenheit führen dazu. Die Hitzköpfigkeit mit der Romeo Tybalt ersticht und daraufhin verbannt wird. Die vorschnelle Annahme, dass Julia tot ist, ohne mal nachzufragen/sehen, was eigentlich los ist. Aber, hey, das macht die Jugend aus. Leidenschaft und Tempo. Und entweder erleben wir das gerade oder erinnern uns sehr gut an unsere Jugend, wenn wir Romeo und Julia lesen oder im Theater sehen.

Liebe

Ich mag die bedingungslose Liebe von Romeo und Julia, die Bereitschaft, alle  Feindschaft sofort fallenzulassen. Liebe ist stärker als Hass.


Die Liebenden versuchen alles richtig zu machen, aber alle und jeder scheint gegen sie zu sein, sie nicht ernst zu nehmen. Obwohl sie doch eigentlich den besseren Weg gehen. Klar macht man da auch Fehler. Gefühle sind in dem Alter intensiv und überschwänglich und der Kopf//Verstand – ist oft nicht unbedingt hilfreich.

Doch wenn ich an Jugend denke, dann sehe ich keine Puber-tiere, über die man lacht, oder die man belehrt, ich sehe Jugendliche die versuchen zu verstehen, wie Erwachsensein geht.

„Der Tod und die Liebe gehören zu den großen Dingen im Leben eines Menschen, das ist für jedes Alter interessant. Man soll Kindern keine Angst machen, aber sie müssen genauso wie Erwachsene von Kunst ergriffen werden.”

Astrid Lindgren, Dagens Nyheter, 8. September 1959
Kunst und Kultur

Unsere Gesellschaft nimmt Kinder nicht erst, nimmt Jugendliche nicht ernst – genug. Das gibt sich, das hört irgendwann auf, irgendwann wirst du erwachsen und verstehen … Ja, was eigentlich?

Und wie ist es mit der Kunst? Jeder der künstlerisch arbeitet weiß, dass Kunst nicht aus dem Kopf kommt. Nicht nur. Wer künstlerisch arbeitet, ist nicht vernünftig. Künstler*innen gelten als romantisch, versponnen, irrational. Und haben daher mit Kindern/Jugendlichern sehr viel gemeinsam.

Wer Kunst macht, muss lernen, wieder Kind zu werden, mehr auf den Bauch als auf den Kopf zu hören. Doch den Kopf einzusetzen, ist immer noch Sache der “echten” Erwachsenen und Kunst wird daher oft nicht ernstgenommen. Sie ist nur “Spiel” nur Vergnügen. Shakespeare sah das anders. Bei guter Kunst geht es um Veränderung, um persönliches oder gesellschaftliches Wachstum, darum, dass man nicht ankommt, sondern forscht, fragt, neugierig bleibt. Das ist auch die Haltung der Jugend und das hat Shakespeare sehr gut verstanden und mit Romeo und Julia auch seine eigene Arbeit als Autor und Künstler selbstbewusst verteidigt. Die künstlerische Arbeit braucht Offenheit und ihr Tod ist ein Mensch, der (zu)feste Ansichten über das Leben, die Dinge, die anderen hat. Genau wie Romeo und Julias Eltern.

Moderne Adaption

Natürlich hat Shakespeare in einer anderen Zeit mit anderen Werten und Vorstellungen gelebt hat, also musste ich die Geschichte anders interpretieren. Nach einer moderneren Interpretation suchen. Ich sah vor allem eine Verbindung zu den neuen Jugendbewegungen wie Fridays for Future. Wer dort demonstrierte, muss am Freitag die Schule schwänzen. Darüber haben sich viele ältere Berufstätige aufgeregt und einigen Eltern ist es sicher auch nicht recht, dass ihre Kinder Freitag Mittag den Unterricht verlassen. Sie verhalten sich wie die Eltern von Romeo und Julia. Sie wissen, was wichtig und richtig ist. Aber – stimmt das?

Verstehen die Entscheidungsträger unsere Gesellschaft diese Form der Auflehnung und Demonstration? Sind sie bereit für den Wandel? Denn so leicht ist es nicht, sich von alten Gewohnheiten und Ansichten zu befreien. So geht es auch den Familien von Romeo und Julia. Sie sind verfeindet und wissen vermutlich gar nicht mehr so genau warum. Können sie von der Jugend lernen, sich zu versöhnen und gemeinsam für eine friedfertige Zukunft einzutreten?

In diesem Generationskonflikt steckt für mich der hochmoderne Aspekt der Romeo-und-Julia-Geschichte.

Ikonische Szenen

Eine Adaption kann sich extrem an der Vorlage orientieren oder nur sehr lose. Ich wollte auf jeden Fall die wichtigsten Romeo- und Julia Szenen im Buch neu interpretieren. Auch, wenn man das nicht unbedingt erkennen muss. Ich bin mir sicher, einige der Romeo-und-Julia-Szenen erkennt man, selbst wenn man das Stück nicht genau im Kopf hat.

  • Die Balkonszene
  • Die Fechtkämpfe zwischen den Jungs der verfeindeten Familien
  • Die erste Nacht/der Morgen von Romeo und Julia “Es war die Nachtigall und nicht die Lerche …”, sagt Romeo, weil er sich wünscht, es wäre noch Nacht und er könnte bei der Geliebten bleiben.
  • Der missglückte Trick sich tot zu stellen von Romeo, der zum Selbstmord von Julia und dann zum Freitod von Romeo führte.

Romeo und Julia Balkon in Verona.

Das waren Szenen, die mir beim Schreiben sofort einfielen. Die Balkonszene habe ich ziemlich ähnlich in mein Buch übernommen. Die Amme ist in diesem Fall Maries Mutter.

Streit zwischen verfeindeten Gangs? Oh, ja, das fand ich in Bernsteins Musical und Romeo und Julia-Adaption West Side Story schon sehr gut gelöst/getanzt und habe diese Szene auf die Jagd im Wald verlegt, wo Jäger und Veganer aufeinandertreffen

Eine Liebesnacht wollte ich auch haben. Und da es keine Hochzeit geben würde, zumindest einen besondern Ort. Erneut der Wald am Abend und frühen Morgen.

Und dann – das Ende. Romeo und Julia waren stürmisch und unbedacht. Voll Leidenschaft und Ungeduld. Und meine Liebenden sind es auch: leidenschaftlich und ungeduldig, spontan.

Das Ende

Genau wie Shakespeare habe ich von einigen Seiten Kritik für das Ende meiner Geschichte bekommen. Ironischerweise wurde mit den zarten Jugendlichen und Kindern argumentiert, die die Geschichte traurig machen könnte. Hm, ich denke, Jugendliche haben ganz andere Probleme, als traurige Geschichten. Ich denke, sie brauchen Rückendeckung und Verständnis für die Dramatik, die sie angesichts ihrer Gegenwart empfinden und auf die viele Erwachsene viel zu abgeklärt reagieren. Welt verändern? Wozu, sie hat doch bis gerade noch gut gehalten.

Und wenn sie nicht mehr hält? Wenn es höchste Zeit ist, aus der Komfortzone zu kommen? Muss erst ein Unglück geschehen, damit wir zu mehr Einsicht gelangen? Und hier hat die Kunst, das Schreiben auch eine Aufgabe, eine Funktion. Oder wie Shakespeare es sagt: Seht euch das Schauspiel an und ihr werdet danach vielleicht einiges besser verstehen und zu neuen Erkenntnissen kommen.

Ach, dieser todgeweihten Liebe Lauf,

Des Elternhauses Wüten, dem ein Ziel

Der beidenTod nur setzt – all das zeigt auf

Zwei Stunden lang der Bühne buntes Spiel!

Wollt ihr es hör’n huldvollen Ohres – wisset

Wir bessern gern, was noch zu bessern ist!

(aus dem Prolog zu  Romeo und Julia von William Shakespeare)

Es war die Nachtigall

Wer Lust hat, mein Buch zu lesen, der findet es hier als Printbuch.

Klappentext: Ökoaktivisten gegen Jäger, Weltoffenheit gegen Tradition, zwei unversöhnliche Lager und eine große Liebe. Die 16-jährige Marie kämpft mit einer Gruppe von Freunden für den Tierschutz und gegen den Klimawandel. Sie will etwas verändern. Bei einem Konzert ihrer Lieblingsband trifft sie ausgerechnet auf Ludwig von Brockdorff, einen leidenschaftlichen Jäger. Obwohl beide vom ersten Moment an eine starke Verbindung zueinander spüren, prallen zwei gegensätzliche Welten frontal aufeinander. Können eine selbstbestimmte Umweltaktivistin und ein traditionsbewusster junger Jäger zusammen sein, trotz aller Vorurteile und der Hindernisse, die die gegnerischen Familien und das Umfeld bedeuten?

Und hier auch als E-Book.

Blurb: *Romeo und Julia im Hier und Jetzt*

Als Marie, die Ökoaktivistin und Veganerin, auf Ludwig, den Erben eines Landguts und Jäger, trifft, steht alles auf Sturm. Dass sie sich mögen, ist eigentlich außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit. Und dann ist es gerade die Liebe, die ihren Blick weitet.

Ludwig: »Ich setze Marie sanft ab, sie duftet nach sonnengebräunter Haut, kein Parfüm, noch nicht einmal Shampoo. Marie ist – Natur.«

Marie: »Ich bin verliebt. Verliebt in einen Jungen, der auf die Jagd geht, der zwischen Ledersätteln sitzt und liest, der Fleisch isst.«

2 Comments

  • Reply
    Ulrike Grabemeyer
    28. September 2020 at 18:51

    Hallo Katrin, endlich habe ich deinen Buchblog gefunden und bin begeistert, wie du recherchiert hast. Wenn Shakespear das ganze Thema schon modernisiert hat, das wusste ich nicht! Da bist du also ganz zielgerichtet vorgegangen. Danke für deine Einblicke! Bis jetzt dachte ich immer, du schreibst das so ausm Bauch raus! Sehr interessant, besonders wenn man mal selber schreiben will. Wenn Shakespear erneuert: Eltern, wartet nicht, bis ein Unglück passiert! Hebt den Streit auf!! Erneuerst du um die Thematik vegan, Jäger. Holymoly, Mister, tolle Arbeit!

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