33 Frauen – #4 Sheila Kitzinger

Sheila Kitzinger über dailymail.co.uk

Sheila Kitzinger mit ihren Zwillingstöchtern Nell & Tess 1958

Shiela Kitzinger – Sanfte Geburt

Sheila Kitzinger war eine britische Sozialanthropologin, Aktivistin und Autorin, die über Schwangerschaft, Geburt, Stillen und Erziehung forschte und sich für eine selbstbestimmte und natürliche Schwangerschaft und Geburt einsetzte. 1929 geboren – Ihr Vater ein Schneider, ihre Mutter eine Hebamme und radikale Feministin – und 2015 gestorben. Sie hatte fünf Kinder, schrieb über zwanzig Bücher und ich habe gefühlt alle gelesen.

Ich wollte immer Kinder bekommen, drei oder fünf und zum Glück wollte das meine große Liebe auch. Keiner von uns hatte jemals den Wunsch, sich sterilisieren zu lassen, obwohl das um uns herum in den 80ern der große Trend war. Wieso eine Kind in diese bedrohliche Welt setzen? Ich war mehr Team: Auf jeden Fall großartige Kinder in diese Welt setzen, schon damit sie besser wird. Und ich war mir sicher: Durch diese Erfahrung werde ich wachsen.

“The pleasures of motherhood come from being flexible enough to retain a spirit of adventure, and being able to grow through the mother-child relationship into adult friendship. For that to happen, it is futile to try to train our children into obedience or impose on them our own beliefs. They should not have to live their lives on someone else’s terms …. Then they can become their own free people.” (Sheila Kitzinger/ Quelle)

Sheila war ein Hippie – aber dann doch wieder nicht. Verheiratet mit Uwe Kitzinger, den sie in Oxford traf und 1952 heiratet. Beide hatten fünf eheliche Kinder, ein Leben innerhalb der Gesellschaft und nicht draußen. Sie war superintelligent, aber nicht nur akademisch, sondern auch emotional. Honorarprofessur an der Thames Valley University und gleichzeitig eine leidenschaftliche Mutter. Sie war keine Rebellin oder wollte es nicht unbedingt sein und war es – dann doch.

“She never hesitated to speak truth to power.” (Celia Kitzinger über ihre Mutter/Quelle)

Schwangerschaft & Abtreibung

Meine erste Erfahrung mit Schwangerschaft hatte ich mit 21. Zu früh, ich bekam sofort eine körperliche Indikation, dünn, erschöpft vom wilden Leben. So wird man manchmal schwanger, trotz natürlicher Verhütung mit einem Diafragma, noch gar nicht beim Kinderwunsch angekommen, sondern irgendwie selbst noch ein Kind. Die Abtreibung unter Vollnarkose war ein traumatisches Erlebnis und spülte nicht nur all meine tiefsitzenden Ängst, sondern auch die meiner Mutter wieder hervor, die in Zeiten vor der Pille mehrfach ungewollt schwanger wurde und ebenfalls abtrieb. Willkommen in der Welt der Frauen.

Rex Features, via Associated Press Stockfoto von Nick Skinner für redaktionelle Nutzung, 02.09.1992

Sheila Kitzinger

Erst sieben Jahre später hatte ich mich so weit erholt und mir vergeben, dass ich/wir überhaupt wieder an eine neue Schwangerschaft dachten. Diesmal wollte ich es richtig machen. Bewusst. Denn ich hatte die Zeit nach der Abtreibung gut genutzt. Sowohl um mich selbst besser kennenzulernen, zu trauern und auch, um über die Situation von Frauen in der Gesellschaft nachzudenken.

Und darüber, was Mutter sein hieß. Mutter. War das ein Vollzeitjob? Irgendwie schon. Und das war nicht fair. Also waren viele Partnergespräche wichtig, um das ganz entschieden zu klären: Wir machen das zusammen.

“Birth is a major life transition. It is – must be – also a political issue, in terms of the power of the medical system, how it exercises control over women and whether it enables them to make decisions about their own bodies and their babies. (Sheila Kitzinger/ Quelle)

Ein zweiter Versuch

Sketches by Katrin Bongard

Ich fühlte mich besser vorbereitet. Wir. Doch gleichzeitig war eine Menge Respekt für “die Sache” da. Was würde sich alles – in der Partnerschaft, im Leben – ändern? Schwangerwerden schien immer noch einfach, aber den Mut zu haben, es zu tun, fand ich nicht. Wirklich zu sagen: Jetzt.

Ich begann zu zeichnen und fand heraus, dass ich wirklich sehr große Angst vor dem Geburtsakt hatte. Wie sollte da ein Kind herauskommen? Wie konnte das gehen? Nicht so sehr die Schmerzen machten mir Angst. sondern die Frage, wie ich das entspannt hinbekommen sollte.

Insbesondere die Vorstellung, dafür in eine Krankenhaus zu gehen, machte mir Sorgen. In dieser Atmosphäre ein Kind bekommen? Mit Ärzten und ständig wechselnden Krankenschwestern und Pflegern?

Schwangerschaft

Also begann ich zu lesen und fand bei Sheila Kitzinger enorm viele Argumente gegen ein Krankenhaus. Allein das Wort Kranken-Haus impliziert, das etwas nicht richtig ist, uns geholfen werden muss, das im Prinzip schon von vorn herein alles schief geht. Aber: Es geht auch anders, sagte sie locker.

Ich wurde schwanger und begann, mich mit ihren Tipps auf eine Hausgeburt vorzubereiten. Eine der wichtigsten Ratschläge war: Man soll aktiv in der Schwangerschaft bleiben. Nicht mit fünf Monaten auf das Sofa umziehen und sich schonen. Das war eine Erlaubnis, die ich sehr gerne annahm, da ich eh viel Rad fuhr und gerne aktiv war. Mir leuchtete auch vollkommen ein, dass das Training der Mutter das Kind trainiert und bestens auf die Geburt vorbereitet.

Sheila Kitzinger zu lesen war wie einer Mentorin zuzuhören, die unaufhörlich sagt: Es geht. Du schaffst es. Schüttet mal diese Angst anderer Leute ab. Bekomme ein Kind. Sei eine Rebellin. Just do it.

Denn sie schaffte es ja auch. Nicht nur Kinder in Hausgeburt zur Welt zu bringen, sondern auch, darüber Bücher zu schreiben.

“At one point in my, life I had five children — all girls — under the age of seven. And a book to write about childbirth. I wondered how I was going to manage. Then, one day, I just climbed into the children’s playpen with my books and other reference materials and started working.It turned out that I’d found the perfect solution: from then on, the playpen became maternal territory. Celia, the twins Tess and Nell, Polly and Jenny could all see exactly what I was doing. I was there if they wanted me and they were free to roam round the house. Importantly, I was in no way dominating or directing them. And far from being isolated in my study, with the children in the nursery, I was living in their world.” (S. Kitzinger // Quelle)

Geburt
Photo Credit: Sheila Kitzinger’s website

Sheila zeigt wie man ein Baby nicht herauspressen sollte.

Ich kann nicht sagen, dass meine nähere Verwandtschaft besonders begeistert von der Idee einer Hausgeburt war. Außerdem wohnten wir zu diesem Zeitpunkt in einer Wohnung mit Ofenheizung und Aussentoilette. Das größte Problem war allerdings, eine Hebamme zu finden, die am errechneten Geburtstermin oder später Zeit oder Lust auf eine Hausgeburt hatte. 18. Dezember.

Und weil das sehr schwierig wurde, suchten wir sicherheitshalber nach alternativen Geburtsmöglichkeiten: Geburtshaus. Ein Krankenhaus, das Wassergeburt oder eine andere Art der natürlichen Geburt anbot. Das war in Berlin nicht schwer, doch am Ende wurde es eine ganz normale Krankenhausgeburt am 24. Dezember. Heiligabend. Eine wunderschöne Geburt, obwohl mir danach klar wurde, wo die Probleme einer Krankenhausgeburt liegen und wo die Kritik von Sheila Kitzinger ansetzte.

Photo by Uwe Carow

Geburt im Krankenhaus mit Isabel

Kitzinger hat ihre fünf Töchter zuhause mit einer Hebamme entbunden. Als Guru der natürlichen Geburt, machte sie selbst vor, was sie predigte, aber sie betonte auch, dass Frauen entscheiden müssten, was sich gut für sie anfühlt.

Gleichzeitig machte sie sehr deutlich, was es hieß (und heißt) in dieser Gesellschaft ein Kind zu bekommen.

“When women give birth they are controlled by a male-dominated, autocratic, hierarchical medical system.” (Quelle)

Das waren Dinge, die in allen anderen himmelblauen und rosafarbenen Schwangerschaftsbüchern nicht besprochen wurden oder vorkamen. Da hörte sich das immer eher nach: Sei brav, dann wird schon alles gut gehen an. Und so gut meine Geburt im Krankenhaus war, ich war mir sicher, beim zweiten Kind wird es eine Hausgeburt.

Hausgeburt
Photo by Uwe Carow

Hausgeburt mit Lenny

Bei Kind zwei lief alles wunderbar, Schwangerschaft ohne Probleme, radfahren bis zum Geburtstag, die Hebamme ein Traum. Die Hausgeburt zu dritt, Mann, Hebamme, ich. Isabel war drei, aufgeregt und krank und schlief nebenan.

Die Geburt verlief problemlos. Reden wir nicht von Schmerzen, die hatte es auch bei Kind eins schon – auf meinen Wunsch – ungefiltert gegeben.

Nach der Geburt, mitten in der Nacht, habe ich mich zu der kranken Isabel dazugelegt, die am Morgen gesund war. Am Morgen konnte sie ihren Bruder begrüßen.

Das alles fühlte sich richtig an und trotzdem anarchisch. Selbst ich wunderte mich, dass unsere Hebamme in bequemen Schlabberhosen zu uns kam, kein weißer Kittel, auch kein heißes Panikwasser auf dem Herd für alle Fälle. Panik gab es nicht.

Das Private ist politisch

“Sheila may be the most important individual in the whole field of childbirth reform,” (Judy Norsigian, a co-founder of Our Bodies Ourselves)

Das Private ist Politisch – war Sheila Kitzinger Ansicht und sie gilt noch immer. Sie war mehr, als eine Verfechterin der natürlichen Geburt. Sie war poetisch aktiv, kämpfte gegen Genitalverstümmelung und für besser Gefängnisbedingungen für Schwangere. 1956 war sie eine der Gründerinnen der Natural Childbirth Association, die später der National Childbirth Trust (NCT) wurde. Und sie war Autorin.

Ihr erstes Buch “The Experience Of Childbirth” erschien zuerst als Serie in der Sonntagsbeilage der lokalen Tageszeitung und wurde später ein Buch. Nach Erscheinen wurde sie zu Vorträgen eingeladen, reiste nach Australien und bekam 1982 einen MBE für ihre Arbeit. Doch um ihre Ansichten gab es auch heftige Auseinandersetzungen und “The Good Birth Guide (1979) führt zum Zerwürfnis mit dem NCT.

Photo by Katrin Bongard

Hebamme Silvia nach unserer Hausgeburt.

Das alles wusste ich nicht, als ich mich auf mein drittes Kind und die zweite Hausgeburt vorbereitete. Diese Schwangerschaft war anders. Ich war 35 und man legte mir nah, einen Super-Ultraschall zu machen. Ich war nicht besonders begeistert, aber meine Frauenärztin machte mir – und das soll kein Vorwurf sein – Angst. Die Untersuchung ergab dann eine Anomalie, nur eine Arterie in der Nabelschnur. Und ich bekam – richtig Angst.

Sprach das gegen eine weitere Hausgeburt? Keine Ahnung. Ich las, was ich finden konnte, aber auch Kitzinger konnte hier nicht weiterhelfen. Panik an allen Fronten, auch beim Vater. Und dann kam Ruhe. In dem Moment, als wir auf uns hörten und – auch wenn das sehr pathetisch klingt – das Kind.

Wir entschieden uns zuerst einmal geben eine Fruchtwasseruntersuchung, da diese Anomalie auch mit dem Downsyndrom zusammenhängen kann. Nicht aus Ignoranz, sondern weil wir das Kind wollten. Auch wenn es benachteiligt sein würde. Und dann für eine Offenheit, allen Möglichkeiten der Geburt gegenüber.

Der nächste Schritt

Du hast eine Überzeugung, dann machen “sie” dir Angst und du kehrst zurück in den Schutz der Normalität. Okay, schon verstanden, Hausgeburt kann nicht die Norm sein. Nicht, wenn du mit einer Anomalie startest. Stimmt das? Das Private ist politisch …

Doch da war noch etwas. Da gab es diese leichte Hybris von mir, dass es doch ganz einfach ist, ein Kind in der heutigen Gesellschaft zuhause zur Welt zu bringen. Und hier lag ich falsch, denn das ist es nicht. Sobald man sich für eine Hausgeburt entscheidet, tauchen sie auf, die Zweifler und Angstmacher, die Bedenkenträger und auch die Krankenkassen, die lieber mehr bezahlen, wenn man ins Krankenaus geht. Ernsthaft? All das spürte ich bei dieser dritten Schwangerschaft überdeutlich. Sollte ich mein drittes Kind zuhause zur Welt bringen? Für den nächsten Schritt gab es keine Mentorin. Ich musste mich nur auf mich verlassen. So wie Kitzinger vor ihrer ersten Geburt.

“With only a choice between a local Jewish hospital or a Catholic one, she decided to give birth in the more familiar surroundings of her home. While other people in their social circle thought she was acting like a “primitive woman” or a “peasant in the fields” she recalled that when her contractions started she revelled in the feeling of knowing exactly what to do.” (Quelle)

Photo by Uwe Carow

Hausgeburt mit Amber

Ich hatte die gleiche Hebamme wie bei Leonard. Sie hatte keine Bedenken gegen eine Hausgeburt. Die Schwangerschaft verlief wunderbar. Ich machte wieder Sport, fuhr Rad, wir renovierten unsere neue Wohnung. Als erstes das Kinderzimmer, dann das Schlafzimmer. Ich hatte das Gefühl, hier kann ich entbinden.

Und hier kam dann Amber zur Welt. In einer Hausgeburt. Die älteren Kinder waren bei meiner Mutter und kamen am Morgen dazu.

Ich hatte in den letzten Schwangerschaftsmonaten keine Angst mehr. Aber ich verstehe jetzt besser, was Angst ist, und warum Mütter in ein Krankenhaus gehen. Und ich kann Sheila Kitzinger nicht genug für den Mut danken, den sie mir und anderen Frauen gemacht hat, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und es auf die eigenen Art und Weise zu machen: Schwangerschaft, Geburt und alles, was danach kommt.

Kunst und Kinder

Drei von Sheila Kitzinger Töchtern sind lesbisch,. Eine wurde deswegen vom College verwiesen und Kitzinger war auch hier sofort kämpferisch und stellte sich hinter ihre Tochter. Sie war eine leidenschaftliche Befürworterin der gleichgeschlechtlichen Ehe.

Ich habe auch nach den Geburten weiter Sheila Kitzinger gelesen, denn auch ihre Ratschläge über das Stillen und das Umgehen mit Schwangerschaftsdepression, Partnerschaft und Eifersucht oder die Zeit nach der Geburt sind extrem erfrischend. Genauso wie ihre Erziehungsratschläge.

“I always took the approach that children should have a lot of space to experiment, play, interact and learn from each other.I had five maxims for a happy life with five children: Mattresses are for bouncing. Water is for pouring. Sand is for scattering. Walls are for drawing. Paper is for cutting.” (Sheila Kitzinger/Quelle)

Wenn ich an Sheila Kitzinger denke, dann denke ich #mutig

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