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Es war die Nachtigall

#Making Of Es war die Nachtigall

Making Of – Es war die Nachtigall #2 Romeo und Julia

15. September 2020
Making Of – Nachtigall – Romeo und Julia

“Es war die Nachtigall”¬† – ist (auch) eine moderne Romeo und Julia Geschichte.

Im September ’20 fahre ich nach Dresden zu¬†Read’n’ Talk. Es sind meine ersten “Lesungen” nach der Corona-Stay-at-home-Situation und es ist auch das erste Mal, dass ich mit Leser*innen live √ľber die Nachtigall¬†sprechen werde, daher fand ich ein erweitertes Making Of eine gute Idee. Okay, Romeo und Julia!

Während der erste Making-Of-Beitrag sich hauptsächlich um die praktische Entstehung des Buchs dreht, geht es in diesem Beitrag:  #2 Romeo und Julia um Inspirationsquellen und Themen des Buches und klärt vielleicht ein paar Fragen, die mir oft zum Buch gestellt werden.

Ein modernes Romeo und Julia

Romeo und Julia – das ist die tragische Liebesgeschichte zweier junger Liebender, die aufgrund der Feinschaft ihrer Familien nicht offiziell zusammenkommen k√∂nnen und am Ende aus Verzweiflung sterben. Wer Romeo und Julia von William Shakespeare nicht kennt, kann die Geschichte¬†hier¬†ausf√ľhrlicher nachlesen.

Mich interessierte an der Geschichte die Liebesgeschichte, aber noch ein paar andere Aspekte, die nicht so naheliegend sind.

Romeo und Julia

Ich habe Romeo und Julia schon oft im Theater gesehen, als Tanzauff√ľhrung und Musical auch schon etliche Romanadaptionen gelesen. Der Stoff ist so popul√§r, dass man schon fast das Gef√ľhl hat, man sollte sich von ihm fern halten. Doch ich dachte mir, was so bekannt und beliebt ist, muss mehr als eine einfache Liebesgeschichte sein. Also wollte ich das Urst√ľck und die Kernaussage verstehen und fragte mich – wo und wann und wie denn eigentlich alles begann? Denn¬†Shakespeare war¬†nicht der Erste, der sich mit dem Stoff besch√§ftigte.

In der Novellenliteratur der Renaissance wird die Geschichte in den grundlegenden Z√ľgen bereits im Novellino des Masuccio von Salerno 1474 dargeboten; durch neue Eigennamen und zus√§tzliche Handlungselemente wie etwa die Balkonszene oder den doppelten Selbstmord am Ende erh√§lt sie bei L. da Porto um 1535 ihre vertraute Gestalt. (Quelle)

Und es gibt weitere Vorlagen f√ľr den Stoff:

  • Arthur Brookes Epos The Tragical History of Romeus and Juliet von 1562.
  • Sowohl Brooke als auch William Painter mit Rhomeo and Julietta von 1567 benutzten
  • die franz√∂sische Fassung von Pierre Boaistuau (1559), die wiederum auf
  • Matteo Bandellos Romeo e Giulietta (1554) und
  • Luigi da Portos Giuletta e Romeo (um 1530) zur√ľckgreift.¬†

Dass eine Geschichte so oft kopiert und weitergereicht wird, ist interessant. Was macht die Geschichte aus?

Dramaturgie der Geschichte

Shakespeare benutzte vor allem Brooks Geschichte als Vorlage, also sah ich mir an, was Shakespeare anders oder moderner als Brooks gemacht hat, denn Shakespeare schrieb seine Fassung¬†1594‚Äď96, also 30 Jahre nach Brookes Fassung.¬†F√ľr das Setting spielte der Zeitunterschied keine Rolle, da die Handlung von Romeo und Julia im 14. Jahrhundert in Verona/Italien spielen soll. Das blieb also gleich. Doch …

Brooks betont in der Vorrede zu seiner Erz√§hlung den exemplarischen Charakter seiner Geschichte. So in etwa: ¬†Hey, Leute, lest das, sehr euch das an, so sollt ihr es auf keinen Fall machen, denn das endet b√∂se. In diesem Fall: Ungehorsam Eltern und anderen Ratgebern gegen√ľber, Bestrafung der ungez√ľgelten Leidenschaft. (*h√ľstel*: Sind das nicht genau die Dinge, die Romeo und Julia so interessant machen?)

Hier ist der erste deutliche Unterschied zu Shakespeare, der auf Brookes moralisierende Kommentare verzichtet und sämtliche Reflexionen in das Bewusstsein der Figuren mit ihrer jeweils eingeschränkten Perspektive verlagert . Das ist schon einmal sehr viel moderner.

Die Liebenden stehen genau wie bei Brookes im Konflikt mit der √ľbrigen Welt (der Erwachsenen), aber Shakespeare sucht die Schuld f√ľr das dramatische Ende nicht bei den Liebenden. Ganz im Gegenteil.¬†Er macht die beiden sehr viel j√ľnger und damit unschuldiger und legt damit den Schwerpunkt der “Anklage” auf die Eltern(generation). Hey, wenn ihr nicht so verbittert gestritten h√§ttet …

Heirat und Liebe

Geheiratet wurde auch im 16. Jh wesentlich eher aus wirtschaftlichen Erwägungen als aus Liebe. Doch bei Romeo und Julia hätte es kein Problem mit einem Standesunterschied gegeben, sie kamen beide aus reichen Familien.

Der Streit der Familien – die alte Tradition – ist der einzige Grund f√ľr die Weigerung der Eltern und Freunde, die Beziehung anzuerkennen. Es ist aber nicht der einzige Grund f√ľr den Tod der Liebenden. Auch die jugendliche Ungeduld und Unerfahrenheit f√ľhren dazu. Die Hitzk√∂pfigkeit mit der Romeo Tybalt ersticht und daraufhin verbannt wird. Die vorschnelle Annahme, dass Julia tot ist, ohne mal nachzufragen/sehen, was eigentlich los ist. Aber, hey, das macht die Jugend aus. Leidenschaft und Tempo. Und entweder erleben wir das gerade oder erinnern uns sehr gut an unsere Jugend, wenn wir Romeo und Julia lesen oder im Theater sehen.

Liebe

Ich mag die bedingungslose Liebe von Romeo und Julia, die Bereitschaft, alle  Feindschaft sofort fallenzulassen. Liebe ist stärker als Hass.


Die Liebenden versuchen alles richtig zu machen, aber alle und jeder scheint gegen sie zu sein, sie nicht ernst zu nehmen. Obwohl sie doch eigentlich den besseren Weg gehen.¬†Klar macht man da auch Fehler. Gef√ľhle sind in dem Alter intensiv und √ľberschw√§nglich und der Kopf//Verstand – ist oft nicht unbedingt hilfreich.

Doch wenn ich an Jugend denke, dann sehe ich keine Puber-tiere, √ľber die man lacht, oder die man belehrt, ich sehe Jugendliche die versuchen zu verstehen, wie Erwachsensein geht.

‚ÄěDer Tod und die Liebe geh√∂ren zu den gro√üen Dingen im Leben eines Menschen, das ist f√ľr jedes Alter interessant. Man soll Kindern keine Angst machen, aber sie m√ľssen genauso wie Erwachsene von Kunst ergriffen werden.‚ÄĚ

Astrid Lindgren, Dagens Nyheter, 8. September 1959
Kunst und Kultur

Unsere Gesellschaft nimmt Kinder nicht ernst, nimmt Jugendliche nicht ernst – genug. Das gibt sich, das h√∂rt irgendwann auf, irgendwann wirst du erwachsen und verstehen … Ja, was eigentlich?

Und wie ist es mit der Kunst? Jeder der k√ľnstlerisch arbeitet wei√ü, dass Kunst nicht aus dem Kopf kommt. Nicht nur. Wer k√ľnstlerisch arbeitet, ist nicht vern√ľnftig. K√ľnstler:innen gelten als romantisch, versponnen, irrational. Und haben daher mit Kindern/Jugendlichern sehr viel gemeinsam.

Wer Kunst macht, muss lernen, wieder Kind zu werden, mehr auf den Bauch als auf den Kopf zu h√∂ren. Doch den Kopf einzusetzen, ist immer noch Sache der “echten” Erwachsenen und Kunst wird daher oft nicht ernstgenommen. Sie ist nur “Spiel” nur Vergn√ľgen. Shakespeare sah das anders. Bei guter Kunst geht es um Ver√§nderung, um pers√∂nliches oder gesellschaftliches Wachstum, darum, dass man nicht ankommt, sondern forscht, fragt, neugierig bleibt. Das ist auch die Haltung der Jugend und das hat Shakespeare sehr gut verstanden und mit Romeo und Julia auch seine eigene Arbeit als Autor und K√ľnstler selbstbewusst verteidigt. Die k√ľnstlerische Arbeit braucht Offenheit und ihr Tod ist ein Mensch, der (zu)feste Ansichten √ľber das Leben, die Dinge, die anderen hat. Genau wie Romeo und Julias Eltern.

Moderne Adaption

Nat√ľrlich hat Shakespeare in einer anderen Zeit mit anderen Werten und Vorstellungen gelebt hat, also musste ich die Geschichte anders interpretieren. Nach einer moderneren Interpretation suchen. Ich sah vor allem eine Verbindung zu den neuen Jugendbewegungen wie Fridays for Future. Wer dort demonstrierte, muss am Freitag die Schule schw√§nzen. Dar√ľber haben sich viele √§ltere Berufst√§tige aufgeregt und einigen Eltern ist es sicher auch nicht recht, dass ihre Kinder Freitag Mittag den Unterricht verlassen. Sie verhalten sich wie die Eltern von Romeo und Julia. Sie wissen, was wichtig und richtig ist. Aber – stimmt das?

Verstehen die Entscheidungstr√§ger unsere Gesellschaft diese Form der Auflehnung und Demonstration? Sind sie bereit f√ľr den Wandel? Denn so leicht ist es nicht, sich von alten Gewohnheiten und Ansichten zu befreien. So geht es auch den Familien von Romeo und Julia. Sie sind verfeindet und wissen vermutlich gar nicht mehr so genau warum. K√∂nnen sie von der Jugend lernen, sich zu vers√∂hnen und gemeinsam f√ľr eine friedfertige Zukunft einzutreten?

In diesem Generationskonflikt steckt f√ľr mich der hochmoderne Aspekt der Romeo-und-Julia-Geschichte.

Ikonische Szenen

Eine Adaption kann sich extrem an der Vorlage orientieren oder nur sehr lose. Ich wollte auf jeden Fall die wichtigsten Romeo- und Julia Szenen im Buch neu interpretieren. Auch, wenn man das nicht unbedingt erkennen muss. Ich bin mir sicher, einige der Romeo-und-Julia-Szenen erkennt man, selbst wenn man das St√ľck nicht genau im Kopf hat.

  • Die Balkonszene
  • Die Fechtk√§mpfe zwischen den Jungs der verfeindeten Familien
  • Die erste Nacht/der Morgen von Romeo und Julia “Es war die Nachtigall und nicht die Lerche …”, sagt Romeo, weil er sich w√ľnscht, es w√§re noch Nacht und er k√∂nnte bei der Geliebten bleiben.
  • Der missgl√ľckte Trick sich tot zu stellen von Romeo, der zum Selbstmord von Julia und dann zum Freitod von Romeo f√ľhrte.

Romeo und Julia Balkon in Verona.

Das waren Szenen, die mir beim Schreiben sofort einfielen. Die Balkonszene habe ich ziemlich √§hnlich in mein Buch √ľbernommen. Die Amme ist in diesem Fall Maries Mutter.

Streit zwischen verfeindeten Gangs? Oh, ja, das fand ich in Bernsteins Musical und Romeo und Julia-Adaption West Side Story schon sehr gut gelöst/getanzt und habe diese Szene auf die Jagd im Wald verlegt, wo Jäger und Veganer aufeinandertreffen

Eine Liebesnacht wollte ich auch haben. Und da es keine Hochzeit geben w√ľrde, zumindest einen besondern Ort. Erneut der Wald am Abend und fr√ľhen Morgen.

Und dann – das Ende. Romeo und Julia waren st√ľrmisch und unbedacht. Voll Leidenschaft und Ungeduld. Und meine Liebenden sind es auch: leidenschaftlich und ungeduldig, spontan.

Das Ende

Genau wie Shakespeare habe ich von einigen Seiten Kritik f√ľr das Ende meiner Geschichte bekommen. Ironischerweise wurde mit den zarten Jugendlichen und Kindern argumentiert, die die Geschichte traurig machen k√∂nnte. Hm, ich denke, Jugendliche haben ganz andere Probleme als traurige Geschichten. Ich denke, sie brauchen R√ľckendeckung und Verst√§ndnis f√ľr die Dramatik, die sie angesichts ihrer Gegenwart empfinden und auf die viele Erwachsene viel zu abgekl√§rt reagieren. Welt ver√§ndern? Wozu, sie hat doch bis gerade noch gut gehalten.

Und wenn sie nicht mehr h√§lt? Wenn es h√∂chste Zeit ist, aus der Komfortzone zu kommen? Muss erst ein Ungl√ľck geschehen, damit wir zu mehr Einsicht gelangen? Und hier hat die Kunst, das Schreiben auch eine Aufgabe, eine Funktion. Oder wie Shakespeare es sagt: Seht euch das Schauspiel an und ihr werdet danach vielleicht einiges besser verstehen und zu neuen Erkenntnissen kommen.

Ach, dieser todgeweihten Liebe Lauf,

Des Elternhauses W√ľten, dem ein Ziel

Der beidenTod nur setzt – all das zeigt auf

Zwei Stunden lang der B√ľhne buntes Spiel!

Wollt ihr es h√∂r’n huldvollen Ohres – wisset

Wir bessern gern, was noch zu bessern ist!

(aus dem Prolog zu  Romeo und Julia von William Shakespeare)

Es war die Nachtigall

Wer Lust hat, mein Buch zu lesen, der findet es hier als Printbuch.

Klappentext:¬†√Ėkoaktivisten gegen J√§ger, Weltoffenheit gegen Tradition, zwei unvers√∂hnliche Lager und eine gro√üe Liebe. Die 16-j√§hrige Marie k√§mpft mit einer Gruppe von Freunden f√ľr den Tierschutz und gegen den Klimawandel. Sie will etwas ver√§ndern. Bei einem Konzert ihrer Lieblingsband trifft sie ausgerechnet auf Ludwig von Brockdorff, einen leidenschaftlichen J√§ger. Obwohl beide vom ersten Moment an eine starke Verbindung zueinander sp√ľren, prallen zwei gegens√§tzliche Welten frontal aufeinander. K√∂nnen eine selbstbestimmte Umweltaktivistin und ein traditionsbewusster junger J√§ger zusammen sein, trotz aller Vorurteile und der Hindernisse, die die gegnerischen Familien und das Umfeld bedeuten?

Und hier auch als E-Book.

Blurb: *Romeo und Julia im Hier und Jetzt*

Als Marie, die √Ėkoaktivistin und Veganerin, auf Ludwig, den Erben eines Landguts und J√§ger, trifft, steht alles auf Sturm. Dass sie sich m√∂gen, ist eigentlich au√üerhalb jeder Wahrscheinlichkeit. Und dann ist es gerade die Liebe, die ihren Blick weitet.

Ludwig: ¬ĽIch setze Marie sanft ab, sie duftet nach sonnengebr√§unter Haut, kein Parf√ľm, noch nicht einmal Shampoo. Marie ist ‚Äď Natur.¬ę

Marie: ¬ĽIch bin verliebt. Verliebt in einen Jungen, der auf die Jagd geht, der zwischen Leders√§tteln sitzt und liest, der Fleisch isst.¬ę