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33 Frauen – #7 Janet Goodrich

25. Mai 2022
Janet Goodrich
Janet Goodrich

Janet Goodrich #33 FrauenDr. Janet Goodrich war eine amerikanische Sehlehrerin und Psychologin, sie ist 1942 in Michigan geboren und 1999 gestorben.

Ich nehme an, das niemand das Wort Sehlehrerin schon einmal geh├Ârt hat und im Deutschen existiert es auch nicht wirklich. Das ist ┬áinteressant, denn wenn ich als Kind gewusst h├Ątte, dass es Menschen gibt, die anderen das Sehen beibringen oder mir Augen├Ąrzt:innen davon erz├Ąhlt h├Ątten – ja, wer wei├č.

So musste ich sie selbst herausfinden. Janet Goodrich ist eine Frau, die mich beeindruckt hat und sie passt gut zur ├╝brigen Gruppe der Frauen, weil sie mit Leidenschaft f├╝r etwas einstand, das andere f├╝r gegeben oder unwichtig hielten. Wie sehen Menschen? Warum werden sie kurz- oder weitsichtig? Wie kann man das ├Ąndern, beheben?

Janet Goodrich #33 FrauenSie war nicht die Erste, die das machte, auch nicht die erste Frau, aber etwas an der Art, wie sie ├╝ber das Sehenlernen schrieb war neu und liebevoll f├╝r mich.┬áAls ich Ende der 80er ihr Buch entdeckte ┬á– Janet Goodrich: Nat├╝rlich besser sehen, Freiburg ┬á1989 –┬áhatte ich schon einige B├╝cher ├╝ber das Sehenlernen gelesen, mich intensiv damit besch├Ąftigt und auch schon einige ├ťbungen in meine m├Âgliche Lebensroutine aufgenommen. Denn – ja, ich bin betroffen.

Kurzsichtig

Ich bin kurzsichtig. Oder sollte ich sagen … war kurzsichtig? Hm.

F├╝r die meisten Menschen ist es ganz selbstverst├Ąndlich, dass sie eine Brille bekommen und tragen, wenn sie schlechter sehen – egal ob in der N├Ąhe oder Ferne. F├╝r mich war es das nicht, als ich mit neun oder zehn beim Augenarzt sa├č. Mein Vater hatte mich hingebracht, vermutlich weil er auch eine Brille trug und meine Mutter meinte, Brillentr├Ąger m├╝ssten sich verstehen. Ist wohl so. Denn sie haben viel gemeinsam, aber das verstand ich erst sp├Ąter.

├ťberhaupt – ist schwachsichtig zu sein, eine Krankheit? Etwas, was behoben werden muss, korrigiert? Wie ein gebrochen Bein oder ein schiefer Zahn. Wir richten ihn wieder. Nein.┬áNiemand geht davon aus, dass man jemals von einer Brille geheilt wird. Irgendwie gehen sogar alle davon aus, dass man von Jahr zu Jahr schlechter sieht, wenn man einmal damit angefangen hat, eine Brille zu tragen. Also eher, als ob man jemandem mit einem gebrochenen Bein eine Kr├╝cke gibt und sagt: Tja, damit musst du wohl demn├Ąchst laufen, weil dein Bein … nix gut.

Janet Goodrich
Ich verstand das nicht. Wieso ging das nicht wieder weg? Mit Brille fand ich mich au├čerdem bl├Âd, ich wollte sie nicht tragen, auf keinen Fall. Der Augenarzt sagt irgendwas von “Vererbung”, viele sagten, ich ├Ąhnele meinen Vater, also schien es logisch. F├╝hlte sich nur nicht so an. Ich spielte Fu├čball mit meinen Br├╝der, ich rannte herum, Brille ging einfach nicht.

Also trug ich meine Brille – nicht. Tat einfach so, als existierte sie nicht. Allerdings sah ich nicht gut und irgendwann fiel das auch auf. In der Schule zum Beispiel. Man setzte mich in die erste Reihe und selbst da ging es dann irgendwann nicht mehr. Und ich gab auf. Okay, dann trag ich meine Brille eben. Meistens. Aber ich hasste sie. Immer.

Sehen lehren

Wie sieht die Karriere einer Sehlehrerin aus? Janet Goodrich ist in Michigan aufgewachsen, sie bekam mit 7 Jahren ihre erste Brille gegen Kurzsichtigkeit und Astigmatismus und sie trug sie die folgenden 20 Jahre. Wenn ich mir das Fotos von Janet Goodrich ansehe, dann verkenne ich das. Oder wahrscheinlich jeder. Kurzsichtige sehen nicht gerne in die Kamera, der Blick ist scheu. Die kokettieren nicht, auch nicht auf Bildern, auf denen sie offen und freundlich erscheinen sollten, damit Menschen ihr Buch kaufen. Sie wirken eher schutzlos ohne Brille. Denn das ist eine Brille auch, ein Schutz.

Goodrich studiert in Michigan Fremdsprachen. Philosophie und Verhaltenspsychologie, eine interessante Mischung. 1967 zog sie nach Kalifornien und besch├Ąftigte sich mit den Theorien von Wilhelm Reich, mit nat├╝rlichen Geburtspraktiken und alternativer Kindererziehung und mit der Bates-Methode. Und alles geh├Ârt sehr eng zusammen.

Bates -Methode? William Bates war┬áMediziner und der erste Sehlehrer ├╝berhaupt. Er entwickelte in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts Seh├╝bungen, die man noch heute in allen alternativen Sehschulen findet. Er schrieb das Buch: Rechtes Sehen ohne Brille. Er war ein Pionier. Doch sogar wenn man den Wikipedia-Eintrag unter Augentraining nach Bates liest, dann findet man dort mehr Skepsis als Anerkennung f├╝r jemanden, der die unglaubliche Entdeckung gemacht hat, das Sehen keine k├Ârperliche und angeborene Fehlstellung ist, sondern eine anerzogene oder antrainierte Fehlhaltung, die mit Emotionen, Gedanken und k├Ârperlichen Verspannungen zusammenh├Ąngt. Da k├Ânnte ich jetzt viel dr├╝ber schreiben, aber das f├╝hrt sehr weit weg von Goodrich. Oder, nein, eigentlich direkt zu ihr hin.

Kurzsichtig

Okay, wer h├Ârt gerne, dass er verkrampft und umentspannt ist? Keine/r, die eine Brille tr├Ągt. Denn Kurzsichtige sind sehr oft kleine Besserwisser. Ja, auch du, Harry Potter. Und sie sind eher ├Ąngstliche und introvertierte Menschen.

Wenn wir von kurzsichtigen Menschen reden, dann meinen wir, dass sie nicht das ganze Bild im Auge haben und – auch richtig. Nicht nur optisch, sondern ganz allgemein. In Erz├Ąhlungen machen wir Brillentr├Ąger gerne zu den Schlaumeiern, die etwas verklemmt sind, Kinder oder Erwachsene, denen man erst zeigen muss, wie sie aus sich herausgehen k├Ânnen: Leg die Brille ab, ├Âffne dein Haar!┬áViele Klischees, aber ein wahrer Kern. Ganz sicher wollte ich nicht so ein Mensch sein, als ich in die Pubert├Ąt kam. Da wollen wir alle sexy und locker sein, begehrt werden und die Haare im Wind flattern lassen.

Und – wundersamerweise erf├╝llte sich der Traum Nun ja, nicht ganz. Mit 16 bekam ich – Kontaktlinsen. Nicht nur das, nach den Ferien tauchte ich mit neuem Haarschnitt in der Schule auf, st├Ârte mich nicht mehr daran, dass meine alten Schulfreundinnen mir keinen Platz freigehalten hatten, lie├č das h├Ąssliche Entlein hinter mir und wurde ein (sch├╝chterner) Schwan. Das f├╝hlte sich nach einer L├Âsung an – doch das war es nicht.

Ganzheitliches Sehen

Janet Goodrich
1975 errichtete Goodrich das Vital Health Zentrum in Los Angeles mit dem Schwerpunkten: Verbesserung der Sehkraft auf nat├╝rliche Weise, Chiropraktik und Ern├Ąhrungsberatung und leitete es bis 1983. Nach einer Vortragsreise durch Australien und einer intensiven Traumerfahrung, zog sie nach Melbourne, wo sie Lehrer:innen f├╝r nat├╝rliches Sehen ausbildete.

Was Goodrich herausgefunden hatte, fand auch ich heraus. Sehen ist ein ganzheitlicher Vorgang. Ihn zu korrigieren, ob mit Brille oder Kontaktlinsen ist nur eine Kr├╝cke. Das eigentliche “Problem” liegt tiefer.

Sie fand heraus, dass Menschen besonders in stressigen Zeiten, vor der Fahrpr├╝fung, in der Pubert├Ąt, unter extremer Belastung – kurzsichtig wurden. Und das es meist die Menschen sind, die eher zur├╝ckhaltend und introvertiert sind, die also ihre Gef├╝hle nicht herauslassen, die kurzsichtig werden. (Kurzsichtige Menschen unterdr├╝cken Angst, weitsichtige Wut.) Daran musste man eben auch arbeiten, um besser sehen zu k├Ânnen: Der Psyche.

Also ging es in ihrem Buch nicht nur um das Trainieren der Augenmuskeln – was auch gut und sch├Ân ist – sondern vor allem um die Ver├Ąnderung von Verhaltensmustern und Angewohnheiten. Uff.

Unterdr├╝cken oder Ansehen

Ich h├Ątte mich dem allen wohl nicht gestellt, wenn ich nicht gemusst h├Ątte. Anfang der 80er Jahre lebte ich in einem besetzten Haus mit 40 Menschen zusammen. Niemand hielt mich f├╝r sch├╝chtern, ich war es auch nicht (mehr). Doch die 80er Jahre waren die Jahre, in denen man in Kneipen rauchte und auf Demos mit Tr├Ąnengas auf Demonstranten scho├č. Meine weichen Kontaktlinsen saugten das alles gierig auf, sch├╝tzen mich im ersten Moment vor tr├Ąnenden Augen, doch saugen sich auch an meinem Augapfel fest und unterbanden die Zufuhr von Sauerstoff zum Auge. Kleine rote ├äderchen bildeten sich neben meiner Iris und versuchten auf anderen Wegen mein Auge mit Sauerstoff zu versorgen.

Als ich endlich zum Arzt ging, da ich meine Kontaktlinsen immer schlechter vertrug, bekam ich eine be├Ąngstigende Ansage: ich w├╝rde meine Augen sch├Ądigen oder sogar erblinden, wenn ich nicht auf eine Brille umsteigen w├╝rde. Auf einmal wurden Augen├╝bungen mein einziger Ausweg, wenn ich nicht wieder auf die Brille umsteigen wollte. Also – nach Goodrich – eine Verhaltens├Ąnderung, die noch weiter gehen musste.

Nat├╝rlich besser sehen

Das Buch “Nat├╝rlich besser sehen”, hat viele Zeichnungen, von denen ich einige hier ├╝ber den Text verteilt habe. Das Buch strahlt etwas sehr Entspanntes aus. Dazu tr├Ągt auch die offene und liebevolle Art von Goodrich bei, ├╝ber das Sehen lernen zu schreiben. Sie ist nie ├╝berheblich, der Ton einfach. Keine langen wissenschaftlichen Abhandlungen ├╝ber das Auge, keine Fakten, die man sich nicht merken kann und die man auch gar nicht wissen will. Fast hatte ich das Gef├╝hl, ich lese ein Kinderbuch.

Sie war eine Vorreitern, denn heute haben wir uns daran gewohnt, dass Darm mit Charme uns auf eine unterhaltsame Reise nimmt und interessanterweise erinnern die Bilder in diesem Buch mich an die Bilder in Janets Goodrichs Buch ├╝ber das Sehen lernen. Okay, ich hasse diese Art von Bilder, weil sie putzig, niedlich und ungelenkt aussehen, aber genau das sollen sie. Die Angst davor nehmen, dass man hier etwas Falschmachen kann und das ist eine gro├če Angst von Kurzsichtigen

Janet Goodrich hat mich ein gutes St├╝ck auf dem Weg zu besserem Sehen begleitet. Der Weg ging und geht immer weiter, auf den n├Ąchsten Etappen hat mich eine andere Frau weiter begleitet, ├╝ber die ich sp├Ąter noch berichten werde.

F├╝r Janet Goodrich habe ich den Hashtag #klar ausgew├Ąhlt. Sie hat mir einen gro├čen Teil meiner Klarheit zur├╝ckgegeben und mir enorm viel ├╝ber mich selbst klar – gemacht. Danke daf├╝r!

 

Alle Bilder aus dem Buch: “Nat├╝rlich besser Sehen”.

 

 

33 Frauen

33 Frauen – #6 Elfriede Hengstenberg

14. November 2021
Elfriede Hengstenberg #33 Frauen

Elfriede Hengstenberg Fotograf:in unbekannt. Aus dem Buch: Entfaltungen

Elfriede Hengstenberg

Als ich 1991 mit unserem ersten Kind schwanger war, schenkte mir meine Tante – die Schwester meines Vaters – das Buch “Entfaltungen” von Elfriede Hengstenberg.┬áDas Buch enth├Ąlt eine Widmung an mich und meinen Mann mit dem Wunsch, mit uns verbunden zu sein in der Zeit meiner ersten Elternschaft und ihrer Reise nach Afrika. Doch sicher sollte es auch eine Erinnerung an das sein, was Elfriede Hengstenberg meiner Tante und mir beigebracht hat.

Elfriede Hengstenberg Entfaltungen

Hersg. von Ute Strub Heidelberg, Arbor Verlag 1991

Wenn ich zur├╝ckdenke, dann wundert es mich, f├╝r wie selbstverst├Ąndlich ich alles gehalten habe, was ich von Frau Hengstenberg oder Hengsti, wie wir sie nannten, gelernt habe. Und wie selbstverst├Ąndlich es zu mir kam.

“Was mich au├čerordentlich erfreut, ist die Tatsache, dass sich von manchen Familien bereits die dritte Generation bei mir einfindet und dass diese recht aufgeschossenen und ausgesprochen selbstst├Ąndige Kindern durchaus anzusp├╝ren ist, dass man sich ganz allgemein um stimmendere Lebensvoraussetzungen bem├╝ht.” schreibt E. Hengstenberg 1958 an den Musikp├Ądagogik und Mentor Heinrich Jacoby. (aus Entfaltungen)

Kindererziehung war in den 70er Jahren ein gro├čes Thema und ich habe davon profitiert, dass meine Eltern und meine Tante mich und meine Geschwister und eigentlich alle Kinder maximal f├Ârdern wollten. Mir kam es nicht seltsam vor, wenn ich zu Bildhauerkursen oder Malklassen gebracht wurde, wenn ich Judo machen durfte oder Segeln ging. Doch – wow – heute bin ich so dankbar f├╝r dieses gro├če Angebot. Und die Stunden bei Elfriede Hengstenberg geh├Ârten dazu.

Elfriede Hengstenberg (1892 geboren) war ausgebildete Gymnastiklehrerin, aber noch so viel mehr. 1915 unterrichtete sie privat und an Schulen in Berlin. Nach dem Studium bei Elsa Gindler ver├Ąnderte sie ihre Arbeitsweise grundlegend.

ÔÇ×Diese selbst├Ąndige Entwicklung von Bewegung sahen Pikler und Hengstenberg als Grundlage f├╝r eine gesunde Entfaltung der Pers├Ânlichkeit. Daher war die h├Âchste Maxime von Elfriede Hengstenberg bei ihrer Arbeit mit Kindern: Achtung vor der Eigeninitiative des Kindes.ÔÇť[Quelle]
Gymnastik
Elfriede Hengstenberg

sus: “Entfaltungen

Initiiert von meiner Tante meldete meine Mutter mich und meine Br├╝der in den 70er Jahren zu Gymnastikstunden bei Elfriede Hengstenberg an. Wir gingen zusammen mit den Kindern einer befreundeten Familie dorthin, allein das war schon aufregend. Wir waren etwa f├╝nf Kinder zwischen sechs und neun Jahren und es kamen noch etwa drei bis f├╝nf Kinder von anderen Familien dazu. Ich wei├č gar nicht mehr genau, wie es offiziell hie├č: Gymnastikstunde oder Sportstunde, denn wir sagten immer: “Wir gehen zu Hengsti.”

Elfriede Hengstenberg

aus dem Buch “Entfaltungen”

Diese Frau war f├╝r mich so alt, dass ich ihr Alter unm├Âglich sch├Ątzen konnte. Uralt. Verknittert und aufrecht, auf eine sehr angenehme Art streng und zugleich … magisch. Eine Zauberin wie ┬áMc Gonagall aus Harry Potter.

Die Stunden bei Hengsti waren keine Sportstunden im ├╝blichen Sinne, es ging um viele verschiedene Dinge, die nicht unbedingt Gymnastik waren. Heute w├╝rde ich sagen: Eine ganzheitliche Haltung. Um Beweglichkeit, Selbstvertrauen, um Zutrauen zu sich selbst. Wie sie es selbst sagte: Eigeninitiative.

Doch in meiner Erinnerung war es nur – Spielen. Einfach eine Spielstunde. Und das war gro├čartig.

Bewegen & Balancieren

Wir trugen T-Shirts und kurze Shorts oder bunte Frotteeunterhosen. Es f├╝hlte sich nicht nach Unterw├Ąsche an, aber auch nicht nach Sportkleidung. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals unwohl gef├╝hlt zu haben, auch nicht verletzlich oder entbl├Â├čt. Es war wichtig, dass wir uns frei bewegen konnten und ich fand das nicht anders, als zuhause im Zimmer herumzuspringen. In den Stunden waren wir immer barfu├č, Turnschuhe kamen nicht vor, sie h├Ątten gest├Ârt.

Die Stunden fanden meist in ihrem Wohnzimmer statt. Hengsti wohnte in einer alten Villa, nicht pr├Ąchtig, aber eindeutig herrschaftlich. Das Wohnzimmer war riesig. Stand da ein Fl├╝gel? Ein Esstisch? Lagen Teppiche auf dem Boden? Ich erinnere mich an das Einrollen von Teppichen, einen Parkettboden. Es war also kein Sportraum wie in der Schule, sondern etwas Privates. Unser Turnplatz war am gro├čen Fenster, der Rest des Raumes blieb im Dunkeln.

Elfriede Hengstenberg

aus dem Buch “Entfaltungen”

Doch es gab auch eine Art Ausr├╝stung: Kletterstanden aus Holz, Balken, B├Ąlle, B├Ąnder, Kissen.

Es gab kleine Holzst├╝hle mit geflochtenen Sitzfl├Ąchen, mit denen wir sehr verschiedne Dinge machten. Eine Art Grundausstattung. Der Stuhl wurde sofort von seiner normalen Funktion befreit. Er diente als Ablage f├╝r Holzstangen, ├╝ber die wir balancierten, wurde zu T├╝rmen aufgestapelt, die wir erklettern mussten. Wir machten vor allem Geschicklichkeits├╝bungen. Alle hintereinander, nie wurde jemand vorgerufen oder musste etwas alleine machen.

Die Bilder, die ich hier in den Beitrag gestellt habe, sind aus dem Buch “Entfaltungen” und sind weit vor meiner Zeit bei Hengsti gemacht worden, aber die ├ťbungen erkenne ich wieder.

Wir mussten oft Dinge auf dem Kopf balancieren. Ein Kissen, einen Ball. Nur wenn man sich konzentrierte, sich ausrichtete, gelang die ├ťbung. Es kam darauf an, den R├╝cken durchstrecken, aber auch nicht zu starr machen. Sie zeigte uns Bilder von Frauen in Afrika, die aufrecht ihre Lasten auf dem Kopf trugen. Einen Wasserkrug, einen Korb mit Lebensmitteln. Ich sp├╝rte, welche Achtung sie vor diesen Kulturen hatte und erinnere mich an Gegenst├Ąnde in ihrer Villa wie Vasen oder Figuren aus anderen Kulturkreisen.

Sie zeigte uns diese Bilder, damit wir lernen konnten. Die stolze Haltung der Afrikanerinnen, gefiel mir. Ohne es gro├če zu betonen, inspirierte Hengsti unsere Weltsicht, die ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal unsere eigene war. Hunger in Afrika! Wir m├╝ssen denen helfen. Aber sie sagte: Ihr m├╝sst von ihnen lernen. So einfach war das.

Drau├čen

Manchmal gingen wir nach drau├čen, in die Gr├╝nanlage, die direkt gegen├╝ber der Villa lag. Dort balancierten wir B├Ąlle auf Holzl├Âffeln und mussten damit laufen. Sackh├╝pfen oder Eierlaufen – aber immer war es etwas anders. Wer wird Erster? ┬á– war nie die Frage, sondern eher, ob es ├╝berhaupt gelingt und wie lange.

Foto: Elfriede Hengstenberg aus EntfaltungenIn dem Buch “Entfaltungen” habe ich ein Bild gefunden, auf dem Kinder mit Fuchsschw├Ąnzen durch die Gegend laufen. Und erst in dem Moment ist sie mir wieder eingefallen: Die Sammlung von Fuchsschw├Ąnzen an Gummib├Ąndern. Vermutlich das Faszinierendste in ihrer Sammlung.

Heute ein No-go. Ich kann mir gut vorstellen, wie grausam das heutige Eltern finden w├╝rden, aber ┬á… es waren die 70er und Fu├čschw├Ąnze hingen auch noch an Autoantennen und dem G├╝rtel einiger M├Ąnner. Und wir fanden sie cool. Toll, gro├čartig. jeder wollte einen ganz bestimmten Schwanz ergattern. Den roten, den braunen.

Die Idee war nicht nur, sich dadurch in einen Fuchs zu verwandeln, sondern den Bereich zu sp├╝ren, wo unsere Wirbels├Ąule, das R├╝ckgrat endet und fr├╝her einmal ein Schwanz ansetzte. Den Tieren hilft er, in Balance zu bleiben, Signale zu senden, zu wedeln oder sich zu str├Ąuben. Uns fehlten etwas, das Hengsti uns mit einem Schwanz zur├╝ck gab. Etwas Wildheit. Etwas Uraltes und Wichtiges. Wir lernten, unsere Energie auf dieses neue K├Ârperteil zu lenken. Die Verl├Ąngerung des Stei├čbeins zu ersp├╝ren. Und das – ver├Ąndert die Haltung sofort. Und – keine Ahnung warum – es machte mich/uns gleichzeitig stolz und powerful. Mit Schwanz war alles m├Âglich (oder war das nur mein Gef├╝hl als M├Ądchen?)

Haltung

Bei Hengsti ging es viel um Haltung. Um einen aufrechten Gang. Aber nicht das autorit├Ąre Geradesitzen, sondern die entspannte aufrechte Haltung. Selbstbewusst, stark, sichtbar.

Jetzt, nachtr├Ąglich, recherchiere ich. Ach wirklich? War es nicht doch etwas autorit├Ąr gemeint? Nicht, dass ich da etwas falsch verstanden habe und da etwas war, in der Lehre, was vielleicht noch aus einer anderen nationalen Zeit ├╝brig geblieben ist. Doch ganz im Gegenteil, was ich finde, erleichtert mich.

Verantwortung

Dirk Jordan, lange Stadtrat f├╝r Volksbildung in Berlin-Kreuzberg, hat ├╝ber Elfriede Hengstenberg und ihre Freundin Gertrud Kaulitz recherchiert und geschrieben. Beide Frauen verstecken w├Ąhrend des Nationalsozialismus Verfolgte in ihren Zehlendorfer H├Ąusern.

Elfriede Hengstenberg hat sich an das Zusammentreffen mit Dr. Bobek sp├Ąter so erinnert: “… (…) Trotz mehrfacher Bewachung war es ihm gelungen, w├Ąhrend einer Zahnbehandlung zu entkommen, Arzt und W├Ąchter in der Wohnung einzuschliessen, dem Gewehrfeuer aus dem Fenster auszuweichen und im Aussenbezirk Zehlendorf mein Haus zu erreichen. Von hieraus, neu eingekleidet, suchte er auf unseren Rat Gertrud Kaulitz auf, die mit weiteren Freunden seine Flucht nach Markendorf i. d. Mark auf die H├╝hnerfarm ihrer Schwester Margret Kaulitz erm├Âglichte. 4 Wochen fand er dort Unterkunft und Verpflegung, bis die H├Ąscher der Gestapo die Farm umstellten, ihn zum 2.Mal verhafteten.” (Quelle)

1963 schrieb Elfriede Hengstenberg einen Brief an die Senatsverwaltung, durch den die Ehrung der Schwestern Kaulitz als “Unbesungenen Helden” eingeleitet wurde.

“Sehr geehrter Herr Senator! Hierdurch bitte ich Sie, die 83 Jahre alte Frau Gertrud Kaulitz┬á in BerlinÔÇöSchlachtensee, Eiderstaedter Weg 33 in die Berliner Ehrungsaktion einzubeziehen. Frau Kaulitz hat in ihrem Hause w├Ąhrend der Nazizeit laufend j├╝dische Verfolgte versteckt, bek├Âstigt und betreut. Au├čerdem hat sie den wegen Hochverrats zum Tode verurteilten Dr. Bobeck, den ich ihr zugef├╝hrt hatte, nachdem er aus der Gestapohaft gefl├╝chtet war, bei sich aufgenommen und f├╝r seine Unterbringung auf dem Lande gesorgt. Hochachtungsvoll Elfriede Hengstenberg” (Quelle)

Irgendwie ist es typisch, dass sie sich f├╝r die Freundin und Mentorin einsetzte und nicht f├╝r sich selbst. Bei ihr war wenig EGO, daf├╝r sehr viel Aufmerksamkeit.

Musik und Bewegung
Elfriede Hengstenberg

aus: “Entfaltungen”

Gertrud Kaulitz war die Klavierlehrerin von Elfriede Hengstenberg und hat ihr zu rhythmischer Gymnastik nach Dalcroze geraten. Émile Jaques-Dalcroze entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Genf eine Musik- und Bewegungsintervention, die für die Vernetzung von Gehirn und Motorik erleichtert.

Es gibt eine spielerische Verbindung zwischen improvisierter Klaviermusik, Singen und wechselnden motorischen Koordinationsaufgaben, die das motorische Ged├Ąchtnis und andere spezifische Hirnleistungen st├Ąrken. Heute wird das besondere bei alten Menschen eingesetzt, um sie geistig und k├Ârperlich beweglich zu halten. Auch etwas, was Hengsti wichtig war: Die Beweglichkeit. Sowohl im Kopf als auch im K├Ârper.

In meiner Erinnerung gab es keine Musik, wenn wir unsere ├ťbungen bei Hengsti machten. Manchmal gab sie mit der Triangel einen Takt vor. Oder habe ich es vergessen?

Geschicklichkeit

Meine liebsten Spiele waren Geschicklichkeitsaufgaben, die meist in eine spielerische Situation integriert waren. Wir sollten uns vorstellen, dass wir auf dem Meer seien. Die Holzhocker wurden umgedreht und waren unsere Schiffe, in denen wir standen. Um uns herum das Meer. Und dann holte sie kleine Spielzeuge. Feste kleine bunte Papierb├Ąlle, Gummitiere (die ich als Kind gesammelt habe und … wo sind die eigentlich hin verschwunden?), Glasmurmeln. Die mussten wir nur mit den F├╝├čen greifen und einsammeln, also in unseren Stuhl holen. Nur mit den F├╝├čen.

Die Dinge, die sie f├╝r ihre ├ťbungen verwendete, waren f├╝r mich magisch. H├╝bsche Dinge, kaum Plastik nichts Hartes, alles war weich und bunt und angenehm zu ertasten, war verspielt und bunt.

Jetzt fallen mir auch die bunten Papierb├Ąlle wieder ein, die wir durch Blasen in der Luft halten mussten. Die wir uns zuwarfen und dann nur mit der Nase annehmen durften. Letztens habe ich sie in einer Ausstellung gesehen und sofort fotografiert. Dinge, die gab es damals im “Chinaladen” zu kaufen. Wieder eine andere Kultur f├Ąllt mir gerade auf, die sie uns wie nebenbei nahebrachte.

Bewegung und Ruhe

Ich habe mich immer schon gerne bewegt, war viel drau├čen, aber Hengstenberg hat mir nicht nur eine wilde, sondern auch eine stille Art der Bewegung beigebracht. Eine innere Bewegung. Sie hat mir gezeigt, dass ich auf meinen K├Ârper h├Âren kann. Nicht erst, wenn ich Muskelkater oder eine Zerrung habe, sondern dann, wenn ich still auf dem R├╝cken liege und in mich hinein horche. Etwas, was ich sp├Ąter beim Yoga oder Thai Chi gesucht und wiedergefunden habe. Eine Bewegung, die von innen nach au├čen geht und von au├čen nach innen. Achtsamkeit und etwas Sanftes.

Elfriede Hengstenberg

aus: Entfaltungen

Am Ende ┬ájeder Stunde, sollten wir uns auf den R├╝cken legen und die Augen schlie├čen. Wir legten uns hin und h├Ârten ihrer Stimme zu, mit der sie uns aufforderte, jedes einzelne┬áK├Ârperteil zu entspannen. Hengsti hat mir beigebracht, wie ich mein Blut in meine F├╝├če und H├Ąnde schicken kann, so dass mir warm wird. Wie ich in den Boden einsinken kann, mit meinem K├Ârpergewicht. Das habe ich als Kind h├Ąufig gemacht, wenn ich im Bett gefroren habe. Das war K├Ârperbeherrschung, aber gleichzeitig ein Loslassen, geschehen lassen.

Sp├Ąter h├Ârte ich dann den Begriffe: “Autogenes Training” und stellte ├╝berrascht fest, dass wir genau das immer gemacht hatten. Und ich es schon “konnte”. Sich zur Ruhe bringen, nach einem aufregenden Tag.

Wenn ich bei Hengsti auf dem Boden lag, sah ich Bilder, stellt ich mir mein Leben vor. Dort in der gro├čen Villa konnten alle Tr├Ąume riesig werden, alles war m├Âglich, weil Hengsti es uns zutraute. Und wollte, dass wir ├╝ber uns hinauswachsen. Das Gegenprogramm zu Schule. Zu Einengung. Zu Sitzen und sich belehren lassen.

“Regeneration geschieht von selbst, wenn die Organe Raum haben, sich so zu entfalten, dass sie von Atem und Durchblutung fortlaufend belebt werden. Dann besteht ein Gleichgewicht zwischen dem Verbrauch an Energie und ihrer Erneuerung.” (Aus: Entfaltungen S. 150)

Heute finde ich es erstaunlich, wie sehr sie Dinge vorweggenommen hat, die sp├Ąter erst langsam popul├Ąr wurden. Parkour oder Freeclimbing.┬áMeditation, Yoga und Autogenes Training. Und ich bin extrem dankbar, dass ich das alles zu einem Zeitpunkt gelernt habe, als K├Ârper und Geist daf├╝r ganz offen waren.

Auch, wenn das Wort im Zusammenhang mit Bewegung vielleicht umstritten ist, habe ich f├╝r Elfriede Hengstenberg den Hashtag #aufrecht ausgew├Ąhlt. Es war nicht nur Bewegung, es war – Haltung. Im Leben zum Leben. Und ich bin sehr dankbar, f├╝r alles, was ich von ihr gelernt habe.

 

33 Frauen

33 Frauen – #5 Madonna Louise Ciccone

8. Juli 2021
Madonna #33 Frauen bold
chrisweger - Madonna Rebel Heart Tour 2015 - Stockholm
Madonna Louise Ciccone – oder einfach Madonna

Vielleicht ist das jetzt eine ├ťberraschung. Madonna! Ausgerechnet?

Ja, absolut. Und in der Ecke meines ICH, in der Madonna lebt, ist noch viel mehr: Klunker und Klimper, Trash und Punk, Cowboyboots und Country Music, Trivalkunst und rosa Lippenstift, Champagner und auch mein Rebel-ICH.

Like a Virgin

Das erste Mal habe ich Madonna Mitte der 80er Jahre wahrgenommen. Nach der Zeit der Hausbesetzung und dem Scheitern einer K├╝nstler-WG, als ich in einer Fabriketage in Kreuzberg gestrandet bin.

Damals habe ich mir die erste Platte von ihr geholt. Ich wusste, es beginnt eine neue Phase in meinem Leben, eine, bei der ich mich nur und haupts├Ąchlich auf mich selbst werde verlassen m├╝ssen.

Platten kaufen war in dem unsicheren Lifestyle damals, ohne eigenes Zimmer und Plattenspieler, ohne viel Ballast (vieles war bei der R├Ąumung des besetzten Hauses verloren gegangen), eigentlich keine Option. Musik war noch nicht digital verf├╝gbar, aber das war nicht der Punkt. Was mich bewog, die Platte anzuschaffen, war – das Cover.

Ich mochte den Vintage-Look, aber vor allem diesen leicht provokanten Blick von Madonna. Dass sie ├╝berhaupt auf dem Cover ihrer LP war, sich so inszenierte.
Angepisst und lasziv zugleich. Perfekte Balance. Die Musik war poppig, doch da war noch etwas anderes. Etwas Lautes.

Eine Frau, die provokant und punkig und glamour├Âs war. Irgendwie alles zugleich. Und das war in den 80ern nicht selbstverst├Ąndlich.

Gelebte Freiheit

Auf einmal war Madonna ├╝berall – jedenfalls f├╝r mich. Mir ging es nicht gut und ich musste mich richtig ├╝berreden, mir etwas Gutes zu tun. Leicht und hoffentlich unterhaltsam. Ins Kino zu gehen. Irgendwo am KuDamm.

So landete ich in dem Film: Deseperately Seeking Susan. Ein netter Independent-Film, der durch den Auftritt von Madonna auf einmal ein Weltereignis wurde. Umgeschnitten und angepasst auf den aufstrebenden Popstar. Und das Video zu dem Song Material Girl wurde einfach als Vorfilm gebracht. Spielfilme sind keine Realit├Ąt, aber manchmal kommen sie der Realit├Ąt so nah, dass ein Film sich wie eine eigene Vision anf├╝hlen kann. Er weckte mich aus meinem Trauerzustand, elektrisierte mich. Ich kann, darf leben! So, wie ich will.

Der ganze Film kam mir wie ein Musikvideo vor, in einer Zeit, in der Musikvideos gerade erst aufkamen. Der vielleicht einzige Film, f├╝r den Madonna gelobt wurde, dabei war sie – einfach nur sie selbst.

Material Girl

Und was sang sie da ├╝berhaupt?

Some boys kiss me
Some boys hug me
I think they’re ok
If they don’t give me proper credit
I just walk away
They can beg and they can plead
But they can’t see the light (that’s right)
‘Cause the boy with the cold hard cash
Is always Mister Right
‘Cause we are living in a material world
And I am a material girl

(aus: Madonna Material Girl. Songwriter: Peter Brown / Robert Rans)
Olavtenbroek - Eigenes Werk Madonna, Rotterdam, August 26, 1987

In ihren Songs ging es um M├Ąnner – aber irgendwie auch nicht. M├Ąnner wurden nicht angehimmelt oder verehrt, geliebt und bewundert, sondern entlarvt.

I’m not afraid to fall a hundred times

And I’ll believe in all your silly lies

I’d like to think that I could change your mind

Don’t say that I am blind, I know all about your kind

He’s a pretender, yeah you meet him every day.

He’s a pretender, that fish that got away.

He’s a pretender, why’d I fall in love

(Madonna Pretender:Songwriter: Billy Steinberg / Tom Kelly)

Musikerinnen in den 80ern

Wenn sie sich am Anfang scheinbar dem Klischee von einem Popsternchen anpasste und auch die ├╝blichen Love Songs sang, dann gab es doch einen kleinen Shift. Etwas, was sie n├Ąher an Patti Smith, Annie Lennox oder Bj├Ârk r├╝ckte: Selbstbewusstsein, St├Ąrke/Power, Eigensinn.

Patti Smith, Annie Lennox oder Bj├Ârk – gefielen mir damals sehr. Ich erinnere mich an Bj├Ârk, schwanger auf der B├╝hne, mit ihrer Band den Sugarcubes.

Doch diese Musikerinnen waren androgyner. Letztendlich unsichtbarer f├╝r M├Ąnner, weniger provokant, weniger … weiblich. Ein Trick, eine M├Âglichkeit, sich gegen Angriffe und ├ťbergriffe zu wehren. Aber ich wollte nicht ausweichen. Und genau das sah ich bei Madonna.

Weiblichkeit

Die Art, wie Madonna zu ihrer Weiblichkeit stand, war neu. Ein Mix aus Weiblichkeit, Verf├╝hrung, Provokation und Gesellschaftskritik. Ein unm├Âglicher Mix – fanden einige.

In 1989, she starred in a Pepsi commercial that was pulled because of controversy over the music video for “Like a Prayer,” which featured burning crosses and showed Madonna kissing a black actor portraying a saint.

Madonna was paid $5 million for her Pepsi commercial, which aired on March 2, 1989, during NBC’s “The Cosby Show.

The problem came the next day, when the music video premiered for “Like a Prayer.” The video included stigmata and other religious imagery. (Quelle)

H├Ątte sie das nicht vorausahnen k├Ânnen? Sich anpassen? Das, was man von Frauen eigentlich immer erwartet? Und das ist das, was ich an Madonna wirklich mag. Sie passt sich nicht an.┬áSie macht einfach.

Madonna ist die Herrscherin ihrer k├╝nstlerischen Aussagen. Sie ist die Queen ihres Imperiums, immer Verk├╝nderin der eigenen Botschaft.

Trotzdem war Madonna nicht ganz allein in diesem Universum. Debbie Harry, Blondie oder Cindy Lauper hatten einen ├Ąhnlichen Look wie Madonna. Blonde Haare, rote Lippen, riesige Ohrringe. Dazu waren sie noch gute S├Ąngerinnen, die auch schauspielern konnten, wenn es n├Âtig war.

Was Madonna ihnen voraus hatte und hat, ist ihre Performance. Und auch das faszinierte mich. Der Auftritt. Die Show. Ihre Art, jeden Auftritt in einen Event zu verwandeln, bei dem Tanz, Choreographie, Licht, Musik und ihre eigene Performance praktisch gleichwertig nebeneinander stehen.

Szenographie

Madonna live bei der Re-Invention World Tour, 2004 Digger24 Dass Madonna nicht singen kann, dar├╝ber waren sich die Musikkritiker:innen fr├╝h einig. So what? Madonna kam urspr├╝nglich von Tanz, sie konnte tanzen.

Jedes Konzert ist ein Statement. Und Madonna die K├Ânigin dieses Universums, das gar nicht so oberfl├Ąchlich ist, wie es auf den ersten Blick wirken k├Ânnte. Denn Madonna┬ánimmt von Anfang an Haltung ein: Ist provokant wie die Rock’n┬┤Roller der 60er, die Rocks├Ąnger, der 70er, die Punks der 80er.

EroticaGirlieShowUnderGround.jpg: Hans Schaft derivative work: GianniG46 Outfit, B├╝hnenshow, Gestik, die Art, wie getanzt oder verformt wird, das alles ist die Botschaft.

Irgendwie ist es gar nicht mehr so wichtig, wie gut sie singt. Die Energie auf der B├╝hne, der Zusammenhalt ihrer Crew, der ganze Event – ist Szenografie – ist Kunst.

Feminsimus

Dazu kommen starke feministische Aussagen, die sich erstaunlich gut mit Korsagen und Spitz-BHs, mit Sadomasochismus und sexuellen Gesten vertragen. Madonna – eine Feministin der dritten Generation.

Ihre B├╝hnenshows und Videos schlie├čen androgyne Menschen, Transsexuellen und Drag Queens ein. Und ihre gr├Â├čte und erste Community hat sie in der Gay-Community (├Ąhnlich wie Lady Gaga) gefunden.

Making Of Madonna

Madonna kritisiert alte Rollenbilder, Intoleranz, die Kirche. In ihren Auftritten waren vulg├Ąre oder anz├╝gliche Gesten Teil der Provokation und gleichzeitig gelebte Freiheit. Ich kann tun, was ich will.┬á

Hans Schaft - MadonnaUnderground Photo taken by a fan during one of the concerts in 1990Ich war┬ánoch nie in einem Madonna-Konzert. Alle Auftritte von ihr kenne ich aus Musikvideos oder sp├Ąter aufgezeichneten B├╝hnenshows und das ist vollkommen okay so. Ich will nicht das Fangirl vor der B├╝hne im Publikum sein, sondern w├Ąre lieber hinter der B├╝hne. Ich w├╝sste gerne, wie dieses Maschinerie funktioniert. Und auch das hat mir Madonna gegeben.

In Bed with Madonna┬á(AT┬áMadonna: Truth or Dare) ist ein Dokumentarfilm, der w├Ąhrend ihrer Blond Ambition World Tour (April bis August 1990) von Alek Keshishian und Mark Aldo Miceli teilweise in Farbe und teilweise in Schwarzwei├č gedreht wurde.

Die B├╝hnenauftritte in Farbe, das Leben danach und davor in Schwarz-Wei├č. Und f├╝r mich ist es so: Ihr Leben wird erst auf der B├╝hne bunt und aufregend und Madonna privat, ihre Ehen und Kinder, ihre Erziehung und ihr Glaube an Katholizismus und Kabbala haben mich nie wirklich interessiert.

Und obwohl ich faszinierend finde, wie viele k├╝nstlerische Seiten sie neben dem Tanzen und Singen und Performen ausgelebt hat, inspirieren mich ihre Versuche in diesen Bereichen wenig.

Madonna Fakts
  • Madonnas Mutter starb 1963 im Alter von 30┬áJahren an Brustkrebs, sie war zu dem Zeitpunkt f├╝nf.
  • Der US-amerikanische Fernsehsender VH1 k├╝rte sie 2012 zur Greatest Woman in Music.
  • An der High School geh├Ârte sie zu den besten zwei Prozent mit einem IQ von 140
  • 2020 wurde sie vom Billboard-Magazin zum gr├Â├čten Music Video Artist ÔÇ×aller ZeitenÔÇť gek├╝rt.
  • Madonna begann eine Tanzausbildung an der University of Michigan, brach sie jedoch ab.
  • Laut Time-Magazine┬ágeh├Ârt sie zu den 25 m├Ąchtigsten Frauen des vergangenen Jahrhunderts.
  • Das┬áRolling Stone┬áMagazin nennt ihre Blond Ambition Tour (1990) ÔÇ×die gro├čartigste Konzerttour der 90er-Jahre.ÔÇť
  • Sie ist die kommerziell erfolgreichste S├Ąngerin der Welt und auf Platz┬á4 der weltweit erfolgreichsten Interpreten.
Madonna forever

In den achtziger Jahren war noch nicht vorauszusehen, ob Madonna nur ein kurzer Pop-Komet sein w├╝rde, der mal eben vor├╝ber schweift oder ob sie bleiben w├╝rde, ein Fixstern am Himmel des Musikgesch├Ąfts. Und in gewisser Weise bin ich stolz, dass ich sie mir als Leitstern f├╝r bestimmte Ziele in meinem Leben erw├Ąhlt habe, denn sie ist immer noch ┬á– da.

 CandyShopAmsterdam.jpg: KarenBlue derivative work: Robot8A - Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet: CandyShopAmsterdam.jpg: Lange bevor ich Drehbücher oder Bücher geschrieben habe oder im Filmbusiness arbeitete, hat mich beeindruckt, wie stimmig das Gesamtpaket, die Marke Madonna, ist

Mit dieser wilden Mischung von Stilen und Auftritten, Ansichten und Kost├╝men, Freund:innen und Fangruppen ist mir Madonna ganz nah. Und auch mit dem Wunsch, sich nicht festzulegen.

Von Madonna habe ich gelernt, dass es geht: etliche Facetten zu zeigen und trotzdem eine Haltung einzunehmen. Unkonventionell, laut, zickig, aber auch feministisch, engagiert und emphatisch zu sein. Im Grunde: Das zu sein, was man gerade sein m├Âchte. Egal, was anderes von einem Denken oder worauf sie dich gerne festlegen wollen.

#Bold

Kurz: Wenn ich mir eine gro├če Schwester ausw├Ąhlen k├Ânnte, w├Ąre es Madonna.

Du hast mir viel beigebracht. Thank u.

33 Frauen

33 Frauen – #3 Ana├»s Nin

3. August 2020
Anaïs Nin

33 Frauen, die mich sehr inspiriert haben (Projekt #33frauen) und eine davon ist Ana├»s Nin. Ana├»s Nin oder genauer: Angela Ana├»s Juana Antolina Rosa Edelmira Nin y Culmell. Nin war Schriftstellerin und noch so viel mehr. 1903 geboren, war sie in den 20er Jahren in ihren Zwanzigern und hat f├╝r mich all das verk├Ârpert, was man mit den Roaring Twenties┬á(den Goldenen Zwanzigern) verbindet. Eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, eine Bl├╝tezeit der Kunst, Wissenschaft und Kultur. Eine Zeit, die 1929 in eine Weltwirtschaftskrise lief, die mit dem B├Ârsencrash in New York begann und in vielen europ├Ąischen L├Ąndern bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 anhielt.

Anaïs Nin

Die Goldenen Zwanziger – eine Art Zwischenzeit. Zwischen zwei Weltkriegen, ein Aufatmen nach dem ersten Weltkrieg (1914-19) oder vielleicht doch eher ein kurzes Aufb├Ąumen vor dem Zweiten Weltkrieg. Wie B├Ąume vor dem Absterben noch einmal ganz stark ausschlagen und bl├╝hen. Frech, ├╝berbordend, frei, verr├╝ckt.

Eine Zeit, in der meine etwa gleichaltrigen Omas heirateten und ihre Kinder (meine Eltern) bekamen. No judgment. Ana├»s Nin hatte nie Kinder, erkrankte 1974 an Geb├Ąrmutterhalskrebs und starb 1977 daran. Ich erw├Ąhne das hier, weil ihre Weiblichkeit und Sexualit├Ąt ihr ganzes Leben bestimmt haben, sie ├╝berbordend und ausschweifend war und diese Krankheit – passte. Ohne Wertung und schon gar nicht als Bestrafung zu sehen, aber ein letzter Fanfarensto├č. Sterben an etwas, an dem nur eine Frau sterben kann. Dah!

Die Tageb├╝cher

Ich habe Ana├»s Nin in meinen Zwanzigern kennengelernt. Und zwar durch ihr bekanntestes Werk, ihre “Tageb├╝cher”. Und war fasziniert. Das war eine neue Form von Tagebuch, roh, echt, ehrlich und gleichzeitig vollst├Ąndig k├╝nstlich-k├╝nstlerisch. Nin schreibt ├╝ber ihre Gef├╝hle, Gedanken, aber achtet auf eine gute Form, verwandelt und pr├Ązisiert. Man kann ihr beim Schreiben, beim Finden der Gedanken zusehen, mein kann lernen wie Schreiben, wie Leben geht.

Ich hatte mit neun Jahren auf Vorschlag meines Vaters selbst angefangen, Tagebuch zu schreiben. Das wird sp├Ąter sehr wichtig f├╝r dich sein, sagte er. Oder so ├Ąhnlich. Nat├╝rlich┬áwollte ich alles machen, was sp├Ąter und auch sofort f├╝r mich wichtig sein k├Ânnte, also schrieb ich. Tagebuch schreiben wurde zu einem wichtigen Teil meines Lebens.

Mit sechzehn vernichtete ich alles kindlichen Tageb├╝cher, die eigentlich nur voller Listen waren. Zur Schule gegangen//Hamsterk├Ąfig sauber gemacht//gespielt. Heute w├╝rde mich rasend interessieren, wie mein Alltag mit neun ausgesehen hat, damals fand ich es besch├Ąmend langweilig und banal.

T├Ągliches Schreiben

Ja, was sind Tageb├╝cher ├╝berhaupt? Das kennt man ja, dass man immer zum Tagebuch greift, wenn man frustriert ist oder Liebeskummer hat. Es ersetzt die fehlende Gespr├Ąchspartner*in. Nicht so bei Ana├»s Nin. Ihre Tageb├╝cher sind sorgf├Ąltig verarbeitete Erinnerungen, die sich aber anf├╝hlten wie aus dem Moment verfasst. Aus der Stimmung heraus geschrieben. Da ahnte man das Leben. Voller Musik, Kunst, Literatur. Intellektuellen Gespr├Ąchen und Gedanken. Aber auch ungesch├Ânt, hart, wild. Man macht Fehler, man verliert die Dramaturgie, man baut Mist, man rappelt sich wieder auf.

Anaïs Nin

Mitte Zwanzig interessierte mich Literatur//Kunst und ich war mir ganz sicher, gute, interessante Kunst kann nur machen, wer Lebenserfahrungen hat. All das, was ich nicht hatte, aber unbedingt haben wollte. Mich interessierte das Leben. Mich interessierte, was das Leben mit einem macht.

K├╝nstlerin sein, hei├čt das Leben aufsaugen, sich schmutzig zu machen, eintauchen in alles Fleischliche und Theoretische. Alles ansehen, alles verarbeiten, und dann auf Papier oder die Leinwand bringen. All das fand ich bei Ana├»s Nin.

Kindheit

Ana├»s Nina Leben ist vollgepackt mit Erfahrungen, mit Schicksalsschl├Ągen, mit Kunst und Schreiben, mit Liebe und Sex. Die Eltern K├╝nstler, der Vater Pianist, die Mutter S├Ąngerin, trennten sich als Nin zwei war. Sie wuchs in New York auf, verlie├č die r├Âmisch-katholische Kirche und die Schule mit sechzehn und verdiente sich ihr Geld als K├╝nstlermodell. Mutig, trotzig, und offenbar ohne den Filter: Geht das? Darf man das?

Was sp├Ąter herauskam, als alle Tageb├╝cher hervorgeholt wurden: Mit neun – so sagt Nin┬áin ihrem Tagebuchband Inzest ┬á– vom Vater missbraucht. Dass aufschreiben zu k├Ânnen ÔÇô ist unglaublich. Ebenso schwierig zu verstehen, was es mit ihr gemacht hat.

Doch von ihrer Kindheit, den fr├╝hen Tageb├╝chern, wusste ich damals nichts. Die Tageb├╝cher, die ich las, waren die bei DTV erschienen Taschenb├╝cher, stark redigiert und zensiert. Das hie├č, dass etliche Personen nicht genannt wurden wie zum Beispiel ihr Ehemann, ein Bankier, den Nin mit zwanzig heiratete. Erst 1992 erschienen die unzensierten Tageb├╝cher, doch da war ich an einem anderen Punkt in meinem Leben.

Mit war klar, dass die Tagebücher zensiert waren, und auch ohne Wikipedia war es bekannt, dass ihr Mann nicht genannt werden wollte. Beim Lesen hatte ich oft den Eindruck, dass er die Position eines Vaters einnimmt. Abwesend, doch ein Versorger und Beschützer im Hintergrund, den Nin offensichtlich betrog und hinterging und belog, den sie aber ohne Probleme als Sicherheitsnetz nutzen konnte.

Dieser Widerspruch – totale Offenheit und gleichzeitig ein seltsames Verh├Ąltnis zur Wahrheit – hat mich fasziniert und besch├Ąftigt. Was mir klar wurde: Ein Tagebuch braucht die Wahrheit – die Kunst/Literatur nicht.

“I tell so many lies I have to write them down and keep them in the lie box so I can keep them straight.” (National Public Radio (NPR). July 29, 2006. Retrieved February 16, 2011.)

Schreiben und Psychologie

Nach der Schule wollte ich Psychologie studieren, doch r├╝ckblickend wollte ich gar nicht die Theorie, ich wollte die Praxis. Ich wollte ein Leben, so bunt und grausam wie das von Ana├»s Nin. Doch das┬áInteresse an der Psychologie oder vielleicht genauer gesagt an Menschen, blieb und das fand ich auch in Nins Tageb├╝chern. Nin studierte Psychologie, intensiv und auf ihre eigene Weise. Sie ging in Psychotherapie, lie├če sich erst 1932 von┬áRen├ę Allendy┬á“behandeln”, sp├Ąter von┬áOtto Rank. Nach eigenen Aussagen wurden beide ihre Liebhaber.

Anais Nin und George Leite im DalielÔÇÖs Bookstore, Berkeley, 1946

Ich habe etwa zehn Menschen in meinem Leben getroffen, die sich einer Psychotherapie oder Analyse unterzogen haben und drei davon sind eine kurze oder auch sehr tiefe und lange sexuelle Beziehung zu ihren Therapeuten eingegangen, also denke ich, es ist naheliegend und nicht nur typisch f├╝r Ana├»s Nin, deren Interesse an Menschen sich sehr oft in eine Liebesbeziehung verwandelte. Mir zeigte es vor allem, dass Pysche und K├Ârper sehr eng miteinander verwoben sind und sich eben nicht alles ├╝ber den Kopf kl├Ąren kann. (Wovon ich bis zu meiner Pubert├Ąt eigentlich ausging.)

Ich selbst habe mich bei meiner ersten Psychotherapie (mit +-27) allerdings mit Vorbedacht f├╝r eine sehr viel ├Ąltere und weibliche Therapeutin entschieden.

Kunst und Psychologie

Die Psychologie und besonders Rank halfen Nin nach eigenen Aussagen besonders in ihrer k├╝nstlerischen Entwicklung und ihrem Schreibprozess.

“As he talked, I thought of my difficulties with writing, my struggles to articulate feelings not easily expressed. Of my struggles to find a language for intuition, feeling, instincts which are, in themselves, elusive, subtle, and wordless.”┬áNin, Ana├»s (1966). The Diary of Ana├»s Nin (1931-1934). 1. Harcourt, Brace & World.┬áS. 279)

Bei Kriegsbeginn verlie├č Nin Frankreich und ging nach New York, wo Otto Rank auch gerade angekommen war und zog zu ihm in sein Appartement. Dort arbeitete sie selbst als Psychologin. Und genauso selbstverst├Ąndlich, wie sie Sex mit Rank hatte, wurden ihre Patienten ihre Liebhaber. Sex als Mittel zur Selbstfindung? Oder Machtaus├╝bung? Oder einfach Schw├Ąche? Aber auf jeden Fall als wichtiger Bestandteil des k├╝nstlerischen Lebens.

Nach einigen Monaten gab sie ihren selbsterfunden Job aber wieder auf:

┬á“I found that I wasn’t good because I wasn’t objective. I was haunted by my patients. – I wanted to intercede.” (The New York Times. Retrieved September 1, 2017)

Mich beeindruckte, dass und wie Nin sich alles nahm, was sie brauchte. Ohne zu fragen, ob das okay war, gerecht, anst├Ąndig. Ohne auf etwas anders zu achten, als sich selbst. Da war ich zwar anderer Meinung oder auch anders erzogen, aber die Faszination blieb und die Erkenntnis: Ohne einen gewissen Egoismus wird man keine gute K├╝nstlerin.

Anaïs Nin und Henry Miller

Ich bin nicht nur ein Anaïs Nin, sondern auch ein Henry Miller Fan, dessen Bücher ich zum gleichen Zeitpunkt gelesen habe. Vielleicht bin ich auf Henry Miller auch nur über Nin gestossen, was ich jetzt nicht mehr so genau nachvollziehen kann.

Anaïs Nin und Henry Miller

Als Ana├»s Nin 1931 auf Miller traf, war sie eine ┬áachtundzwanzigj├Ąhrige verheiratete Frau und Miller – ebenfalls verheiratet – stand kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag. Er war in zweiter Ehe mit June verheiratet, mit der er eine leidenschaftliche und selbstzerst├Ârerische Ehe f├╝hrte. Heute w├╝rde man die Beziehung vermutlich toxisch nennen.

Nin und Miller glichen sich in der Art, ihren Lebenshunger auf eine gnadenlose, r├╝cksichtslose und kompromisslose Art auszuleben. Beide hatten viel Sex und konnten sehr gut dar├╝ber schreiben. Ich sp├╝rte, es kam alles aus dem Unterleib, es war nicht verkopft, obwohl beide sehr intelligent waren und viel miteinander diskutiert haben. ├ťberhaupt – guter Sex und Intelligenz sind keine Gegens├Ątze.

Sex und Schreiben

Nin is hailed by many critics as one of the finest writers of female erotica. She was one of the first women known to explore fully the realm of erotic writing, and certainly the first prominent woman in the modern West known to write erotica. Before her, erotica acknowledged to be written by women was rare, with a few notable exceptions, such as the work of Kate Chopin. (Quelle)

Ich habe Nins erotische B├╝cher “Deltas der Venus” etc nie gelesen. Nach eigener Aussage( in ihren Tageb├╝chern) waren es Texte, die sie gleich nach ihrer Ankunft in Amerika f├╝r reiche Auftraggeber schrieb, um Geld zu verdienen. Mein Interesse daran ist gleich null. Genauso, wie Sex mit Menschen, die daf├╝r bezahlen etwas anders ist, als Sex mit einem geliebten oder zumindest anziehenden Menschen, sind Auftragstexte ┬á– immer etwas leblos.

Nin hatte ein Verh├Ąltnis mit Miller, aber auch eines mit seiner Frau June. Anziehung ist unabh├Ąngig vom Geschlecht und die gro├če Liebe rei├čt alles mit sich. Was Nin ├╝ber ihre Beziehung zu Miller schrieb, konnte ich sehr gut nachvollziehen. In diesem Fall waren Liebe und Leidenschaft zus├Ątzlich mit einer gro├čen Passion f├╝r die Kunst verbunden, dem Schreiben. Ich konnte oder wollte hier auch nie eine Trennung haben. Wen ich liebe, der musste auch die Kunst mit mir teilen. Dass diese doppelte Leidenschaft Opfer kosten w├╝rde, wurde mir erst sp├Ąter klar.

You carry your vision, and I mine, and they have mingled. If at moments I see the world as you see it, you will sometimes see it as I do.ÔÇŁ (Anais Nin to Henry Miller.┬áA Literate Passion: Letters of Ana├»s Nin and Henry Miller, 1932-1953)

Nin vermutet, dass sie 1934 von Miller schwanger wurde, das Kind trieb sie ab.

Leidenschaftliches Schreiben

Anaïs Nin

Ich habe schon vor der Schule lesen gelernt und habe fr├╝h angefangen, eigene Texte zu schreiben, Versuche. Schreiben hat f├╝r mich bis heute mehr mit Emotionen zu tun als mit Verstand. Das hei├čt nicht, dass diese Texte unintelligent, schw├╝lstig, kitschig oder hochemotional sein m├╝ssen.

Es geht darum, die gesp├╝rten Emotionen herauszulassen, sie im ersten Entwurf roh und wild stehenzulassen und sp├Ąter mit dem Intellekt zu pr├╝fen, ob das Geschriebene stimmig ist. Das war nichts, was man in der Schule beigebracht bekam. Sich f├╝r das Schreiben in sich ┬áselbst hineinzust├╝rzen, war nur im Tagebuch “erlaubt” und damit auch gleich schon entwertet und wurde auch gerne als “weiblich” bezeichnet.

Von An├»s Nin habe ich gelernt, das Intellekt und Emotion eine sehr enge Verbindung brauchen, damit gute, interessante, k├╝nstlerische Texte//Kunst entstehen k├Ânnen. Und, dass wer nichts erlebt hat, auch nichts Relevantes zu schreiben hat.

Heute ist mein Blick auf ihr Leben anders, aber der Respekt ist geblieben. Ihr scharfer Verstand und ihre Unerbittlichkeit beim Schreiben beeindrucken mich bis heute, auch wenn ich sie nicht mehr um ihr Leben beneide. Von ihr konnte ich auch lernen: Es geht viel, aber nicht alles. Wenn ich an Anaïs Nin denke, dann denke ich #hungrig.

Podcast

Es gibt eine Podcastreihe zu den 33Frauen auf dem Literatur Radio H├Ârbahn. Jeder Blogbeitrag wird um einen Podcast erg├Ąnzt.

https://literaturradiohoerbahn.com/33-frauen-anais-nin-portrait-von-katrin-bongard/

33 Frauen

33 Frauen #2 Rosemarie Trockel

9. Juli 2020

Rosemarie Trockel

Rosemarie Trockel 2010 ┬ę Curtis Andrerson

Die zweite Frau, die mich als Frau/Mutter/und K├╝nstlerin (mehr ├╝ber mein Projekt), enorm beeinflusst hat, ist Rosemarie Trockel – eine K├╝nstlerin.

Die erste Arbeit, die ich von ihr in den 80er Jahren gesehen habe, war nicht etwa eine ihrer Strickarbeiten, f├╝r die sie sehr bekannt ist, sondern ein Wandobjekt. Kochplatten – schwarz – eingebettet in eine emaillierte Holzplatte, an die Wand geh├Ąngt. Wow.

Da war sie. Kunst von einer Frau, die ganz offen und ohne M├Ąnnern nachzueifern, ein Frauenthema zum Thema ihrer Arbeiten machte. Keine Hausfrau, eine K├╝nstlerin. Erfolgreich. Und trotzdem mit Blick auf den Ort, wo man die Frau traditionell immer noch sieht. Am Herd. Da hat sich bis heute viel ge├Ąndert, aber immer noch nicht genug, wie ┬ádie sich in der Corona-Krise gezeigt hat.

Die Kochplatten-Arbeiten hat Trockel in Variationen bis in die Neunziger wiederholt. Mal waren es wei├če Skulpturen (auch mit Platten an den Seiten), mal Wandobjekte. Keine einzelne Arbeit, sondern ein wiederholtes Statement.

Rosemarie Trockel Ohne Titel 1991

So k├Ânnte Kunst aussehen, die mich interessiert, dachte ich damals, weil sie das Thema Frausein direkt adressierte. Ich kannte bis zu diesem Zeitpunkt nur Kunst von Frauen, die versuchten, M├Ąnnern nachzueifern oder sich stark biografisch an ihrem Selbstbild abarbeiteten. Als Frau, als Mutter.

Gute Kunst von Frauen wurde gerne mit dem Zusatz: K├Ânnte auch von einem Mann sein – geadelt. Kochplatten an der Wand – konnten nicht von einem Mann sein und das gefiel mir. Genau das wollte ich machen. Nicht nur mich als Frau in den Fokus meiner Arbeit stellen, sondern das Frausein in der Gesellschaft reflektierend k├╝nstlerisch bearbeiten.

Und da hingen sie nun, zwei Kochplatten, minimalistisch, schwarz-wei├č, reduziert, eine schlichte moderne Skulptur, eine Provokation. Yay!

Strickbilder

Als Kind habe ich leidenschaftlich gebastelt und jeden erreichbaren Bastelkurs besucht. Die 70er waren sowieso eine Bastel-Aera: Stricken, h├Ąkeln, weben, flechten, Emaillearbeiten, FIMO zu Aschenbechern kneten, T├Âpfern, Glasbilder aus Perlen, die man im Ofen (toxisch, wie mir gerade klar wird) zusammenschmolz. Die Do-it-yourself-Bewegung in ihren Anf├Ąngen. Hobby-Kunst?

┬ę VG Bild-Kunst, Bonn 2014; Foto ┬ę ZKM | Zentrum f├╝r Kunst und Medien, Foto: ONUK

Rosemarie Trockel gestrickte Bilder 2005 auf der Art Cologne

Die in diesen Hobbykursen verwendeten Materialien waren nichts f├╝r “echte” K├╝nstler*innen. Really? Ich sah das anders. Blo├č, weil mit diesen Materialien haupts├Ąchlich in Hobbykursen gearbeitet wurde, waren sie f├╝r mich nicht wertlos. Im Gegenteil. Und nun kam Rosemarie und zeigte mir: Yes, ich bin bei dir. Wir stellen diese ganze selbstgef├Ąllige M├Ąnnerkunst auf den Kopf. Offen feministisch. In der Kunstwelt der 80er Jahre. Feministisch an einer Stelle, an der Weiblichkeit definitiv noch nicht angekommen war und vielleicht auch noch nicht angekommen ist.

Rosemarie Trockel Umtitelt 1985/88

Rosemarie Trockel verwendet Wolle und Stricktechniken und baut Haushaltsgegenst├Ąnde in ihre Installationen ein. Sie hat an der Strickmaschine hergestellte Wandbilder mit provokanten Strickmustern wie dem Playboy-Bunny ausgestellt. Da ging es nicht nur um den Widerspruch von gro├čem k├╝nstlerischen Wandbild und harmlosen Material. Sondern auch um den inhaltlichen Widerspruch von bravem Stricken – zu provokantem Inhalt. Das Trockel-Strickbild – ist Politik und Gesellschaftskritik, gebrochen/gesteigert durch den Gebrauch von scheinbar harmlosen Materialien und Techniken.

Frauenbewegung – die zweite Welle

Die Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre wird auch die zweite Welle der Frauenbewegung genannt.

Der Ausl├Âser der zweiten Welle der Frauenbewegung war ein allgemeiner gesellschaftlicher Umbruch und Wertewandel nach dem Golden Age of Marriage der 1950er und 1960er Jahre. (Wiki)

Diese Frauenbewegung hat meine Mutter, Tanten und deren Freundinnen beeinflusst und war zum Teil sehr k├Ąmpferisch. Es ging um mehr Rechte f├╝r Frauen, das Recht auf den eigenen K├Ârper und Abtreibung, aber auch um die eigenen Erfahrungen mit Missbrauch oder/und Vergewaltigung.
Die besonderen Merkmale dieser Frauenbewegung waren, dass sie sich stark┬áan den Protestformen┬áanderer sozialen Bewegungen abarbeitete: Demonstrationen, b├╝rgerlicher Ungehorsam, Kampfansagen, Verweigerung, Bildung von eigenen Organen (wie Frauenh├Ąusern). Historisch wichtig, allerdings waren diese Protestformen weiterhin stark an m├Ąnnlichen orientiert. Die Frau muss um ihre Rechte k├Ąmpfen, muss Widerstand leisten, muss laut werden, um geh├Ârt zu werden.

Rosemarie Trockel Ohne Titel 1988

Dass dies sehr m├Ąnnlichen Formen des Protests oder der Meinungs├Ąu├čerung waren, f├Ąllt mir im R├╝ckblick ├╝berdeutlich auf. Schon als Kind befand ich mich in dem Konflikt, Kleider und hohe Schuhe gro├čartig zu finden, die Inhalte der Frauenbewegung aber ebenso einsichtig und richtig. Ich sah nicht ein, warum die┬áfrauenbewegte emanzipierte Frau der 70er unbedingt Jeans und flache Schuhe tragen musste, um ernstgenommen zu werden.

F├╝r die meisten Frauen meiner Kindheit und in meinem Umfeld waren hohe Schuhe und Emanzipation Gegens├Ątze, die Barbiepuppe ein Feindbild. Zu der komme ich sp├Ąter noch, doch diesen Widerspruch fand ich ungerecht. Wir Frauen m├╝ssen uns wie M├Ąnner benehmen, um als Frauen ernstgenommen zu werden? Was ist mit unseren Qualit├Ąten, Bed├╝rfnissen? Ich liebte es, f├╝nfj├Ąhrig in den Pumps meiner Mutter herumzuspazieren (meine Br├╝der ├╝brigens auch). Das war Power. Und ganz sicher wollte ich zu diesem Zeitpunkt keinen Mann damit beeindrucken.

Karriere ohne Festlegung

Rosemarie Trockel hat mich auch deshalb so stark inspiriert, weil man sie nach den Herdplatten-Arbeiten und Strickbilder einfach in die Schublade einer feministischen K├╝nstlerin h├Ątte stecken k├Ânnen, wenn sie so weitergemacht h├Ątte. Aber – nope. Ihre ersten Einzelausstellungen in K├Âln und Bonn hatte sie Anfang der 80er Jahre. Eine Ausstellung, die sie schnell in den internationalen Kunstbetrieb aufsteigen lie├č, in dem sie bis heute eine ma├čgebliche Rolle spielt.

Ich erinnere mich an diese Einzelausstellung, die ich besucht habe, und hier besonders an eine Arbeit auf Papier. Trockel┬áhatte einen Wattebausch auf einen Fotokopierer gelegt (Fotokopierer waren in den 80ern modernste Technik) und auf Papier kopiert. Ich war hingerissen und emp├Ârt zugleich, eine Reaktion, die f├╝r mich immer sehr inspirierend ist. Zu einfach? Frech? Banal? ├ťberbewertet?┬áIch habe mich f├╝r frech oder vielleicht besser: unversch├Ąmt entschieden.

Rosemarie Trockel Werk und Kunst verweigert sich der Einordnung. Damit geht sie einen Schritt weiter, ist nicht “nur” weiblich-feministische K├╝nstlerin, sondern vor allem MENSCH. Ich bin ich – geht niemanden so leicht ├╝ber die Lippen. Dieses Statement kommt allzu leicht arrogant oder selbstgef├Ąllig r├╝ber. So sehen viele Feministinnen die M├Ąnner und auf keinen Fall sich selbst. Doch das Ichbinich┬áist wichtig. Nicht das aufgeblasene selbstherrliche Ichbinich, sondern das Erkennen der eigenen Kraft und F├Ąhigkeit, Kreativit├Ąt und Genialit├Ąt.

Kunst und Kunstgeschichte

Wer sich mit Kunst besch├Ąftigt, Kunst macht, kommt um Kunstgeschichte nicht herum. Vor allem dann, wenn man sich fragt, warum so viel mehr M├Ąnner den Kunstmarkt beherrschen. In den 80/90er Jahren habe ich Kunstgeschichte studiert und mich in einer Zeit vor dem Internet haupts├Ąchlich in der Bibliothek aufgehalten. Biografien von K├╝nstlerinnen waren selten, meist musste man K├╝nstlerinnenschicksale zwischen den Zeilen lesen. Als Anh├Ąngsel von M├Ąnnerbiografien, Muse oder Model. Und nat├╝rlich fand man Frauen haufenweise auf Bildern. Aber … nun.

Rosemarie Trockel – a lady at her toilet – Installation von 1991

Die Installation von Rosemarie Trockel von 1991 “a lady at her toilet” ist eine Auseinandersetzung mit einer Zeit der Kunst, in der man Frauen aus dem Kunstbetrieb verwiesen hat, sie aber gerne malerisch “ausbeutete.”

1 Zeltboden, 4 Metallleisten, 2 Metallstangen, 1 Klapphocker aus Holz mit Stoffbespannung, Diaprojektor, 80 Dias, 7 gerahmte Reproduktionen alter Graphiken

Die Frau in der Kunst

Gibt man den Titel der Installation – a lady at her toilet – in die Internetsuche ein, st├Âsst man auf viele, vor allem barocke Gem├Ąlde nackter oder wenig bekleideter Frauen von m├Ąnnlichen Malern. Oh ja, das war eine Form der Pornografie, ein Ausstellen von weiblicher Nacktheit zur Freunde der Kunstk├Ąufer. Und wenn der K├╝nstler-Mann es zu Ber├╝hmtheit gebracht hat, dann h├Ąngen die Bilder heute in einem Museum. Frauen, die sich sch├Ân machen, sich herausputzen f├╝r die Nacht oder den Tag, f├╝r … den Mann. Hier und so finden Frauen ihren Platz auf Gem├Ąlden. Nett, oder? Nichts dabei, oder? Wenn man sich in das Zelt von Trockel setzt, kann man diese Bilder betrachten:

“Die Abbildungen unterscheiden sich hinsichtlich der Malweise, der gew├Ąhlten Ausschnitte und der Entstehungszeit ÔÇô jedoch zeigen sie immer ├Ąhnliche Motive: Leicht bekleidete oder nackte Frauen im Badezimmer, die sich an- oder ausziehen, sich waschen oder baden, ihr Haar k├Ąmmen oder sich im Spiegel betrachten. Die Frauen werden allein oder mit einer Dienerin gezeigt. Manchmal ist auch ein Mann in der Rolle eines Voyeurs oder Freiers im Hintergrund erkennbar. Treten die BesucherInnen in den Zeltinnenraum, nehmen sie bei der Betrachtung des Werkes eine ├Ąhnliche voyeuristische Perspektive ein.” (ZMK Karlsruhe)

Kunstbetrieb

Rosemarie Trockel verteilt Schl├Ąge in alle Richtungen. Provokant, aber niemals verkniffen. Irgendwie ist immer Humor dabei, manchmal sehr trocken und schwarz.

Rosemarie Trockel – Balaklava 1986

Der Kunstbetrieb ist an manchen Stellen eigen und filzig wie viele elit├Ąre Kreise.┬áDas habe ich auch in den 80ern gelernt, als ich ein Praktikum bei meinem Onkel in K├Âln machte. Willi Bongard (der j├╝nger Bruder meines Vaters), hatte sich zur Aufgabe gemacht, K├╝nstler in ein wirtschaftliches Bewertungssystem zu stecken und es Kunstkompass getauft.

Den Kunstkompass hat er in den 70er Jahren erfunden und anf├Ąnglich als kleines Aboblatt betrieben. Das waren sehr gut recherchierte Informationen ├╝ber Ausstellungen und Auftritte, an denen K├╝nster*innen teilnahmen, sowie eine Nachverfolgung, welche Presse und Preise sie bekamen. Kunstsammler konnten ihre Kunstk├Ąufe mit dieser Hilfe besser einsch├Ątzen.

Der Kunstkompass erschien j├Ąhrlich in verschiedenen Wirtschaftszeitungen und haupts├Ąchlich in der Capital. Nachdem mein Onkel 1985, kurz nach meinem Praktikum, t├Âdlich mit seinem Wagen verungl├╝ckte, ├╝bernahm seine Lebensgef├Ąhrtin Linde Rohr-Bongard, eine Journalistin und K├╝nstlerin, den Kunstkompass.

Kunst und Kommerz

Von 2013 bis 2017 wurde das Ranking im Kunstkompass unver├Ąndert von Gerhard Richter, Bruce Nauman und Rosemarie Trockel angef├╝hrt. Ich bin nicht unbedingt begeistert von der Vorstellung, K├╝nstler wie Sportler in ein Bewertungssystem zu zw├Ąngen. Ich h├Ątte – ganz ehrlich – auch nicht gedacht, dass Trockel sich so gut in diesem System schlagen w├╝rde. 1986 tauchte sie jedenfalls noch nicht unter den ersten 100 K├╝nstlern des Kunstkompass auf.

Kunst ist Kommerz (so hie├č auch ein Buch, das mein Onkel 1967 ver├Âffentlichte). Bei meinem Praktikum hat er mir zudem Einblicke in das Verflechtung von K├╝nstler*innen, Galerist*innen und Kunstmarkt gegeben.┬áEr erz├Ąhlte mir zum Beispiel, dass Julian Schnabel bei ihm (und ├╝berall sonst, wo man sich zu der Zeit bekannt machen konnte) gesessen h├Ątte und gesagt h├Ątte, er w├╝rde mal ganz gro├č werden. Nun, da hat er wohl recht gehabt. K├Ânnte man sich an dieser Stelle eine Frau vorstellen? Wohl eher nicht.

Dass M├Ąnner ihre K├╝nstlerkarriere aggressiv und machohaft betreiben, unterstrich mein Onkel und schockte mich zudem mit Geschichten, wer sich im Kunstbetrieb alles hochgeschlafen hatte. Ich war eine K├╝nstlerin in den Anf├Ąngen und fragte mich, besonders, nachdem er verungl├╝ckte, ob das eine sehr negative oder eher eine realistische Sicht auf den Kunstbetrieb sei. Damals war seine Sicht f├╝r mich haupts├Ąchlich verst├Ârend. Ebenso wie sein mysteri├Âser Tod. Auf freier Strecke von der Stra├če abgekommen und an einen Baum gefahren – aber das ist eine andere Geschichte.

Documenta

Wie sehe ich den Kunstbetrieb? Warum tue ich mich so schwer mit den Mechanismen der Macht in diesem Bereich? Auch bei dieser Frage half mir Trockel viele Jahre sp├Ąter mit einem Kunstwerk. Als mittlerweile sehr erfolgreiche Frau im Kunstbetrieb, nahm sie 1997 an der Documenta X teil.

 

Zusammen mit dem K├╝nstler Carsten H├Âller war ihr Beitrag zur Documenta das┬á“Haus f├╝r Schweine und Menschen” im Teepavillon.

“Der Teil f├╝r die Menschen war ausgesprochen karg gehalten, noch dazu fensterlos und entsprechend d├╝ster. Innen lagen auf einer zur R├╝ckwand hin ansteigenden Schr├Ąge Matten f├╝r die Besucher. Dort ausgestreckt schaute man auf eine gro├če Glasfront und durch sie hindurch in den Hausteil, den die Schweine bewohnten. Die trennende Glasscheibe war einseitig verspiegelt, so wie man das von Scheiben kennt, die Polizisten bei Gegen├╝berstellungen verwenden: Die Menschen konnten die Schweine sehen, die Schweine jedoch die Menschen nicht.

Nichts anderes als das sah man auch: Schweine, die sich allein und unbeobachtet wohl f├╝hlten. S├Ąue und Ferkel, die fra├čen, schliefen, spielten, vom ├╝berdachten Stallteil in einen kleinen Garten und wieder zur├╝ck liefen, die zu geregelten Zeiten gef├╝ttert und gepflegt wurden. Die Zuschauer wurden Zeugen eines weitgehend harmonischen, wenig spektakul├Ąren, daf├╝r fr├Âhlichen Schweinelebens. Kurz: Gl├╝cklichere Schweine als diese ber├╝hmt gewordenen Kunstschweine sieht man in Deutschland wohl selten.” (Dieter Schwerdtle in der Zeit)

Tiere spielen immer wieder eine Rolle in Trockel Werk. 1993 ver├Âffentlichte sie ein Buch mit dem Titel: ÔÇ×Jedes Tier ist eine K├╝nstlerinÔÇť. Eine ironische Anspielung auf die Aussage von Josef Beuys: ÔÇ×Jeder Mensch ist ein K├╝nstlerÔÇť. Dass Beuys Tiere und Frauen ┬á– unachtsam – ausschloss, machte sie sichtbar.

Dritte Welle des Feminismus

Das “Haus f├╝r Schweine und Menschen” hat viele Ebenen, wurde von den K├╝nstlern auf einer Homepage sp├Ąter ausf├╝hrlich erl├Ąutert und hat trotzdem enorme Kritik von Besuchern erfahren. Kein Wunder. Ist das Kunst?, fragen sich Menschen, die die Kunst sehr wohl akzeptieren k├Ânnen, wenn sie sich so benimmt wie Kunst sich benehmen soll: Verortbar. ├ästhetisch. Verst├Ąndlich.

Rosemarie Trockel, Cluster III – Death, so adjustable, 2015

Wir Frauen kennen das Problem, oder? Wir d├╝rfen ├╝berall mitmachen, wenn wir uns an die Spielregeln halten. Also? Vielleicht der Grund, warum so viele Frauen heute glauben, wir brauchen den Feminismus nicht mehr.

Wir befinden uns mittlerweile historisch in der dritten Welle des Feminismus. Das Internet spielt dabei eine ma├čgebliche Rolle. F├╝r die globale Vernetzung und den Austausch von Inhalten und Erfahrungen. Die Fragen bleiben dieselben: Wer bin ich? Wie vertrete ich meine Ansichten, meine Rechte, meine W├╝nsche und meine Freiheit.┬á

M├Ąnnerwelten

Muss ich wie ein Mann handeln, denken, arbeiten, um in einer von M├Ąnnern dominierter Welt ernst genommen zur werden? ┬áM├Ąnnerwelten

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf haben in ihrer Show “Joko & Klaas gegen ProSieben” ihren Sender ┬ágeschlagen und 15 Minuten Live-Sendezeit gewonnen. Auf den Wunsch der beiden Entertainer f├╝hrte die Autorin und Journalistin Sophie Passmann durch die fingierte Kunstausstellung “M├Ąnnerwelten”. Thematisiert wurden sexuelle ├ťbergriffe gegen Frauen und Sexismus, den Frauen in ihrem Alltag erleben. (Wer sind Joko und Klaas?)

Rosemarie Trockel: Ohne Titel (Frau ohne Unterleib), 1988

Aha, zwei M├Ąnner ├Ąu├čern sich zu Sexismus. Ach, nein, das lassen sie Sophie Passmann machen, die einen langen Rock und flache Schuhe tr├Ągt und sich benimmt, als w├Ąre sie eine Ausstellungsf├╝hrerin. Wie schlau, dass sie keine hohen Schuhe tr├Ągt und keinen tiefen Ausschnitt hat.

Wie schlau von Joko und Klaas, dass sie nur Frauen in diesem Special auftreten lassen, denn wer b├╝gelt die Fehler der M├Ąnner besser aus als Frauen? Genau. Wie interessant. Joko und Klaas reden in diesen 15 Minuten auch nicht dar├╝ber, dass sie in einer Gameshow einer Hostess an den Hintern gefasst haben, sie zeigen auf alle M├Ąnner und irgendwie vielleicht auch auf sich selbst.

Es f├Ąllt mir schwer davon abzusehen, dass sich hier ganz nebenbei ├╝ber Kunst und den Ausstellungsbetrieb lustig gemacht wurde, als g├Ąbe es keine K├╝nstler*innen, die sich ernsthaft mit dem Thema Feminismus auseinandersetzen. Als w├Ąre Kunst nur ein Joke.

Heute

Letzte Woche war ich im Hamburger Bahnhof bei einer Einzelausstellung von Katharina Grosse. Eine riesige bunte Farbskulptur, die sich klar im Jetzt verortet. 3D Architektur, 3D Printing. Viel Farbe auf Fl├Ąchen, auch auf dem Boden, auch im Aussenbereich, der vorher speziell behandelt wurde. Jetzt sind alle Fl├Ąchen abwaschbar (so werden Geb├Ąude vor┬á┬áGraffitis gesch├╝tzt). Aha. Sprayen muss also gar nicht aggressiv sein, alles ist abwaschbar. Da freut man sich? Irgendwie nicht, denn was ist Kunst dann ├╝berhaupt? Abwaschbar? Davon abgesehen:┬áNo risk – no fun.

Katarina Grosse. “It Wasn’t Us” 2020 Hamburger Bahnhof Berlin

Okay. Gro├č, laut, ein Spektakel. Nicht meins, aber so ist das eben manchmal mit Kunst. Ich denke nicht: Immerhin von einer Frau. Oder: Cool – von einer Frau. Ich denke: Gef├Ąllt es mir? Spricht es mich an?┬áWie viele Ebenen meiner Existenz, der Gesellschaft und Welt werden durch dieses Kunstwerk in Schwingung gebracht? Passen Form und Inhalt/Botschaft? Verst├Ąrkern sie sich? Rechtfertigt die “Botschaft”, das Erlebnis den Aufwand? Den Einsatz von Material und Farbe? Und Manpower

Ich mag┬ábunt. Die Bemalung im Aussenbereich h├Ąlt leider dem Vergleich mit jeder talentierten, innovativen Sprayer*in nicht stand.

Rundgang

Anschlie├čend gehe ich durch die st├Ąndige Ausstellung des Hamburger Bahnhofs. Ein Rundgang. Und da liegen sie. Unspektakul├Ąr auf dem Betonboden. Die Gewohnheitstiere von Rosemarie Trockel.

Rosemarie Trockel – Gewohnheitstiere 1996

Beschissen ausgeleuchtet. Sorry. Aber eine Arbeit, die mich sofort wieder und sehr viel mehr ber├╝hrt, als das Farbspektakel in der Haupthalle. Ich bin wohl immer noch ein Trockel-Fan. Aber nicht, weil ich am Alten festhalte, ein Gewohnheitstier bin, sondern ganz im Gegenteil. Ich mag, wenn Dinge und Ansichten auf den Kopf gestellt werden. Daf├╝r ist Kunst da. Und weil ihre liegenden Tiere immer noch aktuell sind. Uneindeutig. Tod oder lebendig? Haustiere oder wild? Get├Âtet oder gestorben?

Wenn ich an Rosemarie Trockel denke, dann denke ich immer wieder gerne #unversch├Ąmt.

Podcast

Es gibt eine Podcastreihe zu den 33Frauen auf dem Literatur Radio H├Ârbahn. Jeder Blogbeitrag wird um einen Podcast erg├Ąnzt. Den Podcast zu diesem Beitrag findest du┬áhier.