Explore

Stipendium

#Schreiben

Arbeitsstipendium auf Schloss Wiepersdorf

1. April 2015
Schloss Wiepersdorf

Vor ein paar Monaten war abzusehen, dass enorm viel Schreibzeit auf mich zukommen wĂŒrde und ich mindestens drei Monate ausschließlich Zeit dafĂŒr brauchen werde. Ich sah BerghĂŒtten vor mir, Hotelzimmer, abgelegene Dörfer. Ich spielte mit dem Gedanken, mich in GĂŒlpe einzuquartieren (dunkelster und auch ruhigster Ort von Deutschland), oder einfach nur gegenĂŒber in das Bed & Breakfast zu ziehen und so zu tun, als wĂ€re ich weg. “Katrin? Keine Ahnung, die ist ins Ausland gefahren und kommt erst in drei Monaten wieder.” Irgendwann in dieser Zeit muss ich mich dann wohl auf dieses Arbeitsstipendium auf Schloss Wiepersdorf beworben haben.

Arbeitsstipendium

Als ich den Anruf bekam, dass ich mich fĂŒr drei Monate auf Schloss Wiepersdorf zurĂŒckziehen kann, hatte ich die Sache schon fast wieder vergessen. Tja und nun bin ich hier. Seit MĂ€rz. Mitten in der gewĂŒnschten Einöde, ganz royal in einem Schloss. Trotz offiziellem FrĂŒhlingsanfang liegt der Garten noch im Winterschlaf, sind alle Skulpturen winterlich in grĂŒnen HolzkĂ€sten versteckt, genauso wie die Pflanzen in der Orangerie. Trotzdem stellt sich schon ein erhabenes GefĂŒhl ein, wenn man durch den Schlossgarten wandelt oder sich im Schloss in goldumrahmten Spiegeln betrachtet.

Stop. Moment mal. Was passiert gerade? Nimmt meine Sprache auch schon einen GoldĂŒberzug an, ziert sich, beschreibt manieriert, verlustiert, galant, pittoresk, grotesk. Fuck it. Nope. I have some hard stuff to write. Ich muss mich einleben. Ein Mitstipendiat leiht mir ein Buch ĂŒber Wiepersdorf. Darin finde ich einen Brief von Bettina von Arnim, die hier gewohnt hat und, tja, begraben ist. Lese: “Das Schreiben vergeht einem hier, wo den ganzen Tag, das ganze liebe lange Leben nichts vorfĂ€llt, weswegen man ein Bein oder einen Arm aufheben möchte. Ich kenne keine GeschĂ€ft, was den Kopf mehr angreift als gar nichts tun und nichts erfahren 
” Okay. Wait a minute. Könnte es sein, dass die Sache nach hinten losgeht? Ich hier noch viel weniger mein Schreiben auf die Reihe kriege?

Bettinas Rat

Ich rufe Bettinas Geist heran, ich spĂŒre so etwas wie eine Wahlverandtschaft. Ich verstehe sie. Denn, wenn ich ehrlich bin, dan h**** ich das Landleben, ich brauche die Stadt. Wir verabreden uns am Ententeich. (Ihr Vorschlag.) Wir sehen den Enten beim Rumschwimmen zu. Das macht man hier wohl so, wenn kein Bankett oder eine royale Party ansteht. Und, hey, denke ich, Holden Caulfield, ich weiß jetzt, wo die Enten aus dem Central Park im Winter hinziehen. Hier grĂŒndeln sie.

“Tja”, sagt Bettina. “Weshalb denkst du, habe ich dich hierhin mitgenommen und nicht in die Orangerie?” “Weil sie noch zu ist?” “Unsinn, ich kann durch WĂ€nde gehen.” “Aber 
”  “Es geht nicht, darum, was ich kann oder du, sondern die Enten.” Langsam begreife ich. Stadt – Land. Was die können, kann ich auch. Hier dĂŒmpeln und wenn es wieder warm wird, geht es zurĂŒck in die Stadt. Bis dahin schreibe ich – da man hier eh nichts anderes machen kann. Also genial. “Und immerhin hast du Internet!”, sagt Bettina. “Jawoll!”

wiep_enten