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33 Frauen #1 Ilse-Charlotte Kaufmann

28. Mai 2020
Ilse-Charlotte Kaufmann

Ilse-Charlotte Kaufmann

Die Blogreihe #33Frauen (mehr dazu) handelt von 33 Frauen, die mich in der Frage wie man Kunst, Kinder, Karriere und eine gute Beziehung harmonisch und glĂŒcklich in sein Leben integrieren kann, inspiriert haben. Und ich beginne – mit meiner Mutter, Ilse-Charlotte Kaufmann.

Ich bin ein wenig aufgeregt, da mir klar geworden ist, dass ich vor dieser Blogreihe noch nie so offen, persönlich und öffentlich ĂŒber mich oder meine Einstellung zum Leben, zu Kunst, Politik und Gesellschaft gesprochen habe. Aber – darum geht es wohl in dieser Blogreihe und ganz allgemein beim Schreiben. Und, dass ich mit meiner Mutter beginne, macht es nicht unbedingt leichter.

Ille

Meine Mutter hat den Namen meines Vaters angenommen, hieß also Bongard. Doch sie wurde von allen nie Ilse-Charlotte, sondern immer nur Ille genannt. Ich will hier trotzdem mit ihrem vollstĂ€ndigen Vornamen und ihrem Geburtsnamen ĂŒber sie reden, da er fĂŒr mich die grĂ¶ĂŸere Einheit ist. Der Name, der ihr Leben vor der Ehe einschließt. Die jĂŒdischen Wurzeln, ihren kĂŒnstlerisch begabten Vater.

Ich dachte eigentlich, dass ich diesen Beitrag am besten am Muttertag herausbringe, doch meine Mutter war kein großer Fan des Muttertags. Wahrscheinlich hat sie ihn gehasst. Und damit ist schon viel ĂŒber sie gesagt. Sie hatte eindeutige Meinungen zu Menschen, Politik, Kunst und Kultur. Und auch zu Institutionen oder Traditionen.

Ich habe mich als Kind oft gewundert, wenn andere (Ehe-)frauen/MĂŒtter keine Meinung hatten. Da kenne ich mich nicht aus. // Da weiß ich nicht Bescheid. //Dazu habe ich keine Meinung. So etwas gab es bei uns nicht und das lag an meiner Mutter. Sie hatte eine Meinung. Überhaupt habe ich erst beim Scheiben dieses Blogbeitrags bemerkt, in wie vielen Aspekten ich von ihr beeinflusst worden bin und was sie mir alles – ganz unauffĂ€llig – beigebracht hat.

Die Mutter

Ich will gleich vorweg sagen, dass meine Mutter und ich uns gut verstanden haben, aber auch ĂŒbelste Auseinandersetzungen hatten. Dies hier ist also keine Hymne auf meine Mutter, sondern das Ergebnis vieler KĂ€mpfe.

Bei einem Streit hat sie mich einmal als Monster bezeichnet und ich wĂŒrde sagen, sie hat sehr recht gehabt. Wenn ich um mein SelbstwertgefĂŒhl, meine UnabhĂ€ngigkeit und Freiheit kĂ€mpfe, werde ich monströs. Sie war da anders. Zarter, weicher, unsicherer. Und gerade damit hat sie mich zu einer KĂ€mpferin gemacht. An ihr musste ich mich abarbeiten. Doch neben diesen KĂ€mpfen und Auseinandersetzungen gab es auch Bereiche, in denen sie mich gar nicht beeinflussen wollte. Das fand ich am spannendsten. Wenn sie etwas gemacht hat, das ich nur beobachtet habe und so lernen konnte. Das war ganz besonders in diesen drei Bereichen der Fall:

  • Literatur
  • Musik
  • Beziehung & Muttersein
Literatur & Lesen

Meine Mutter hat viel gelesen. Vor allem Literatur. Viel Literatur. Keine Schmöker, die kamen ĂŒberhaupt nicht vor. Aber auch Sach- und Fach- und wissenschaftliche BĂŒcher.

Schreiben war fĂŒr sie Kunst, und Lesen hieß, Kunst zu wertschĂ€tzen. Mit Respekt fĂŒr eine gute Sprache, fĂŒr intelligente Gedanken, fĂŒr tiefgehende Emotionen, fĂŒr Offenheit und eine Stellungnahme in der Welt. Lesen hieß zu wachsen. Von ihr habe ich gelernt: Ein gutes Buch ist ein Kunstwerk. Die Autor*ĂŹn muss ihr Handwerk beherrschen, doch sie ist hauptsĂ€chlich KĂŒnstler*in und damit auch erste kĂŒnstlerische Instanz fĂŒr ihr Werk..  Ändere bitte dies – weil es sich besser verkauft//uns nicht gefĂ€llt//wir es nicht mögen – war fĂŒr sie undenkbar. Zu einem guten Buch gehört eine Autor*in mit einem starken RĂŒckgrat und einer klaren kĂŒnstlerischen Vision.

Und das habe ich nicht nur bewundert, sondern sofort verstanden. Wenn die KĂŒnstler*in nicht den Mut und die Kraft hat, fĂŒr ihre Ideen einzustehen – wer dann?

Meine Mutter ist auch diejenige gewesen, die mit mir zur Bibliothek gegangen ist, um mir meinen ersten Bibliotheksausweis ausstellen zu lassen. In die heiligen Hallen. Sie hat mich zur Vielleserin gemacht hat – drei BĂŒcher am Tag.

Durch meiner Mutter habe ich gesehen, dass mit und durch BĂŒcher alles möglich ist. Dass man sich mit dem Wissen und den Erkenntnissen, die in BĂŒchern stecken, die Welt erobern kann.

Ich habe auch mitbekommen, wie sie mit Mitte 40, verspĂ€tet ihr Studium beendet und ihre Doktorarbeit geschrieben hat. Immer umgeben von einem Stapel BĂŒcher. Überall Spuren vom Thema. In, durch und mit BĂŒchern kann man alles erreichen. Damit war meine Mutter besser ausgebildet als mein Vater, der seine Doktorarbeit nie beendet hat. Allerdings ist er Professor geworden und sie blieb nur Dozentin. Auch das eine interessante Beobachtung.

Schreiben

Ilse Charlotte-KaufmannEtwas spĂ€ter wurde mir klar, dass meine Mutter nicht nur viel gelesen, sondern auch einmal selbst geschrieben hat. Ich weiß nicht, wann sie mir ihre Gedichte gezeigt hat. Huschig, eigentlich fast im VorĂŒbergehen und mir wurde klar: Es gab ein Leben vor mir. In einer kleinen Studentenbude mit einer Kofferschreibmaschine und der Ambition, irgendwann mal einen Roman zu schreiben.

Und es gab dieses kleine BĂŒchlein mit dem Schloss, das ich jetzt geerbt habe, mit ihren Gedichten. Okay, die kann man also selbst machen. Wie Marmelade einkochen und Pullover stricken. Wie Fahrradreifen flicken und GlĂŒhbirnen auswechseln.

Man kann selbst Gedichte schreiben.

Selbst BĂŒcher schreiben. Und das war die grĂ¶ĂŸte Ermunterung. Ich wollte nie Schriftstellerin werden. Aber nicht, weil ich es mir nicht zugetraut hĂ€tte. Denn der Weg zum Schreiben war immer da, stand immer offen, war möglich.

Oper & Musicals

Alles, was in der Kindheit passiert, nimmt man als normal hin. So ist das eben. Und erst spĂ€ter wird einem klar, dass es anderswo anders ist. Meine Mutter hat Opern geliebt. RegelmĂ€ĂŸig wurden Sonntags Opernplatten aufgelegt. Carmen, La Travita, Der Barbier von Sevilla. Oder lyrischer Gesang. Meine Eltern waren beide Musikliebhaber, mein Vater hat Klavier gespielt, mein Mutter fast immer in irgendeinem Chor gesungen. Musik gehörte dazu, doch wurde sie von meiner Mutter besonders zelebriert. Nicht mal eben nebenbei, sondern zur festlichen Stunde. Dann wurde die Platte aufgelegt und zugehört.

FĂŒr mich waren Opern gesungene Geschichten. Gesungene Texte auf italienisch oder deutsch. Tragische Geschichten mit großen Emotionen. Vollendeter Gesang. Das war eine erstaunlich andere Seite an meiner Mutter, die doch sonst die Meisterin der Ironie war, einen messerscharfen Verstand hatte und niemals sentimental oder rĂŒhrselig wurde. Schwarzer Humor, ScharfzĂŒngigkeit. Jane-Austen-like. Manchmal provokant. Aber da gab es eben dieses verletzliche Innenleben, das sich in Musik ausdrĂŒckte.

Als meine Mutter und ich einmal zusammen das Musical West Side Story im Fernsehen gesehen haben, war ich vielleicht neun. Und meine Mutter hat geweint. Damals habe ich nicht verstanden, was einen an dieser Geschichte so zu TrĂ€nen rĂŒhren kann. Aber es hat mich tief beeindruckt, dass ein Musical so tiefe GefĂŒhle bei meiner Mutter, die ich ĂŒberhaupt nur zwei oder dreimal in meinem Leben habe weinen sehen, auslösen konnte.

Dass Emotionen in Geschichten gehören, sogar unbedingt dazugehören, war nichts, was man mir in der Schule beigebracht hat. Da ging es um Kafka und Sprache und Form. Wie wichtig Emotionen fĂŒr Geschichten sind, habe ich durch meine Mutter gelernt.

Beziehung, Ehe und Arbeit

Die Beziehung meiner Eltern war gut. Manchmal sehr gut, göttlich, dann auch wieder zerfleischend. Sie haben sich sehr geliebt, Liebe auf den ersten Blick, in Göttingen im Vorlesungsaal, dazu eine starke körperliche Anziehung, ein Sturm. Meine Eltern waren GegensÀtze und die Beziehung ein wilder Mix.

Es gab ein intellektuelles Gleichgewicht, doch obwohl meine Eltern geistig und intellektuell ebenbĂŒrtig waren, gab es keine Gleichberechtigung. Und das lag weniger an meinem Vater (obwohl der auch ein Macho sein konnte), als an der Gesellschaft, der Situation in den 60er Jahren, an der Struktur von Ehe- und Familienleben.

“Kinder kriegen” war ein Job, den die Frau am besten nebenher erledigte. Unbezahlt, versteht sich. (Erziehungsgeld war damals noch kein Thema und Kindergeld ein Witz). Und wenn die Frau gleichzeitig Karriere machen wollte … dann hatte sie eben zwei Jobs und musste sehen, wie sie das hinkriegte. Mein Vater war Professor, fĂŒr seine Arbeit zahlte der Staat. FĂŒr ihn war es sein Geld, auch wenn er es natĂŒrlich in die Ehe gegeben hat. Doch bei einer Scheidung (und davon gab es viel im Umfeld)  … hĂ€tte er normal weiter verdient und meine Mutter beruflich bei Null starten mĂŒssen. DarĂŒber haben wir oft geredet.

Die gesellschaftliche Ungleichbehandlung von Arbeit fĂŒr die Gesellschaft in einem Job und Arbeit fĂŒr die Gesellschaft = Kinder bekommen, war ein Problem, das die Ehe meiner Eltern sehr belastet hat.

Meine Mutter war viel zu schlau, das HausmĂŒtterchen zu spielen und auch viel zu lĂ€ssig. Mein Vater – gelegentlich sehr akribisch – hĂ€tte die KĂŒche mit dem Q-Tip geputzt und in unserer Familie stand alles auf Alarm, wenn er “den Keller aufrĂ€umen” ging.  Vielleicht wĂ€re er der bessere Hausmann gewesen, aber der Switch hat bei beiden nie funktioniert.

Es war genial, eine solche Beziehung aus nĂ€chster NĂ€he zu studieren. Okay, als Kind studiert man seine Eltern nicht, man wird hin- und hergerockt. Stellt Fragen, versteht Dinge nicht, wundert sich, ist verwirrt. Und oft stand ich auch genau in der Mitte. “Heirate nie!”// MĂ€nner sind … was auch immer. // Deine Mutter macht ihren Job nicht. Ich verdiene das Geld und siewas auch immer.

Meine Mutter hat eigenes Geld verdient, trotz der vier Kindern und einem Haushalt, der ohne mĂ€nnliche Beteiligung bewĂ€ltigt werden musste. Um vieles hat sie nicht gekĂ€mpft, das lag ihr ĂŒberhaupt nicht. Sie ist aber in eine Frauengruppe gegangen und hat auf ein eigenes Konto bestanden.

Was ich aus all diesen Beobachtungen und Diskussionen gelernt habe: Du musst als Frau unbedingt selbststÀndig sein. Du musst weiter an deiner Ausbildung arbeiten, auch in der Beziehung/Ehe, auch mit Kindern. Und du brauchst dein eigenes Geld.

Muttersein

Muttertag: Danke, Mama, dass du all das fĂŒr uns tust! Und nie an dich denkst.

Fuck! Muttertag. Okay, so hĂ€tte meine Mutter das nie gesagt. Aber hinter ihrer Stirn, angesichts des Szenarios: Die Kinder ĂŒbernehmen am Muttertag (gezwungen von deinem Mann) das FrĂŒhstĂŒck – konnte man es sehen. Muttertag. Bullshit.

Sie hĂ€tte gesagt: Ich verzichte auf den Blumenstrauß und die schönen Worte, ich will einen Mann, der kapiert, dass Kinder haben auch sein Job ist. Und, nein, Geld verdienen ist nur ein sehr kleiner Teil davon. Ich will einen Staat, der kapiert, dass es mit Kinder- oder sogar Erziehungsgeld nicht getan ist. Weil man keine mĂŒndigen und intelligenten und liebevollen StaatsbĂŒrger heranziehen kann, wenn man auf dem Zahnfleisch lĂ€uft. Vier Kinder, die ersten drei innerhalb von vier Jahren (auf dem Bild die ersten drei).

Die (Über-)anstrengung meiner Mutter als Mutter in diesem Job, der ja im Grunde gĂ€nzlich von der Anerkennung des Partners abhĂ€ngt und in der Regel in der PubertĂ€t auch noch von den Kindern belĂ€chelt wird, habe ich sehr genau registriert. Feminismus passierte fĂŒr mich dort. Vorort. Nicht in irgendwelchen Seminaren oder Panels, wo Feministinnen VortrĂ€ge hielten. Oder halten. Nicht in theoretischen Diskussionen, die vielleicht auch wichtig sind, aber sehr oft an der RealitĂ€t vorbeigehen. Ich lernte: Hier muss sich etwas Ă€ndern. Auch die Frauen selbst, die sich ihrer Macht und StĂ€rke bewusst werden mĂŒssen.

Meine Mutter

Meine Mutter war als Mutter: Genial. Das habe ich erst spĂ€ter begriffen. Vorher habe ich die liebevolle gemachten Pausenbrote vermisst. Die herzige Umarmung, wenn ich zur Schule ging, das DauerlĂ€cheln, die Nettigkeit, die anderen MĂŒttern offenbar so leicht fiel.

Erst als diese Familien und Ehen zerbröselten, das grĂ¶ĂŸere Bild sichtbar wurde, habe ich begriffen, wie wertvoll ihre Erziehung war. Dass sie mich in Ruhe gelassen hat, mich niemals bewertet, herausgeputzt oder bemuttert hat. Und mich schon gar nix ht heruntergeputzt hat. DafĂŒr hat sie mir etwas sehr Wichtigeres mitgegeben:

Sei so, wie du bist. Bleib so, wie du bist. KĂŒmmere dich nicht um die Menschen, die dich auf Grund von Angst maßregeln oder zurechtweisen wollen. Geh deinen Weg. Mach dein Ding.

Ilse-Charlotte Kaufmann Mutter

#lebendig

Auch, wenn meine Mutter immer gesagt hat, sie hĂ€tte nie richtig gelernt, glĂŒcklich zu sein, konnte sie leben. Genießen. Gutes Essen und Wein. Mit KĂ€se. Und Reisen und Kunst, Theater, Konzerte. Diskussionen und GesprĂ€che und Bewegung.

Und wenn ich an sie denke, dann denke ich: #lebendig.

Podcast

Es gibt eine Podcastreihe zu den 33Frauen auf dem Literatur Radio Hörbahn. Jeder Blogbeitrag wird um einen Podcast ergÀnzt. Den Podcast zu diesem Beitrag findest du hier.

IPodcastlse-Charlotte Kaufmann

33 Frauen

33 Frauen #Prolog

14. April 2020
33 Frauen

33 Frauen ist mein Blog-Projekt fĂŒr 2020 und ich beginne einmal mit einem Prolog, also einem ersten Blogbeitrag mit einer kleinen Vorrede.

Warum 33 Frauen (#33frauen)? Nun das Projekt begann eigentlich schon vor lĂ€ngerer Zeit in meinem Studium (Kunstgeschichte, Theologie und Judaistik). Ich habe das Studium nicht sofort nach der Schule begonnen, sondern erst nachdem ich mich fĂŒr die Kunst entschieden hatte.

Kunst war Praxis und aufregend, genau wie mein Leben damals. Auch, weil ich zu dieser Zeit mit vielen Menschen zusammengelebt habe, in WGs und Lofts und mit am Ende mit fĂŒnf anderen KĂŒnstlern (tatsĂ€chlich nur MĂ€nnern) in einem Atelier gearbeitet habe. Ein Studium ist ruhiger und das brauchte ich nach diesem Lebensabschnitt.

Mir fehlte auch die intellektuelle Auseinandersetzung, das Lernen. Ich liebe es zu wachsen und zudem war das Studium die perfekte Möglichkeit, mein Leben ein wenig zu entschleunigen.

Ich habe aus dieser Zeit sehr viel mitgenommen, vor allem theoretisches Wissen. Ich studierte mit Leidenschaft, ich saß auch in den Semesterferien in der Bibliothek und nutzte mein Studium fĂŒr ein Seitenforschungsprojekt. Ich fragte mich: Wie ist es möglich, als KĂŒnstlerin mit Kindern in einer guten Beziehung zu leben und dabei noch finanziell unabhĂ€ngig zu sein? Wie geht das? Wer hat das schon geschafft?

Kunst & Kinder

Ich habe in dieser Zeit jede KĂŒnstlerinnen-Biografie gelesen und alles, was ich ĂŒber die Heldinnen der modernen Kunst, Schriftstellerinnen und Wissenschaftlerinnen finden konnte. Wie haben die das gemacht? Hinbekommen? Wie haben sie Job und Leidenschaft und Kunst und Familie unter einen Hut gebracht. (Hut? Hm …)

Es gab sehr verschiedene Lebenswege, aber schnell zeichnete sich ab, dass die erfolgreichen KĂŒnstlerinnen eher keine oder nur ein Kind hatten (manchmal lebte es beim Vater). Die, die es trotzdem anders versucht haben, mussten irgendwann etwas aufgeben – manchmal sogar ihr Leben.

Ich fand heraus, dass es sehr viele KĂŒnstlerbeziehungen gab und gibt, in denen der Mann sehr berĂŒhmt war/ist (z.B. Rodin) und die Frau als die Muse angesehen wurde/wird, obwohl  sie eine mindestens ebenso talentierte KĂŒnstlerin war/ist. Das war schmerzhaft und lehrreich und eine gute Vorbereitung fĂŒr mein spĂ€teres Leben.

*Zu diesem Zeitpunkt lebte ich in einer sehr freiwilligen Fernbeziehung  zu meinem spÀteren Partner.

Arbeit & Familie

Kunst und Familie zusammen zu leben, war offensichtlich schwierig. Aber wie sah (und sieht) es mit Kunst=Arbeit und Familie aus? An vielen Stellen meines Lebens musste ich zwischen Kunst und Arbeit/Familie entscheiden und das war schmerzhaft und manchmal auch ungerecht.

Als ich das erste mal schwanger wurde, wollte ich giftige Substanzen (Farben) im Atelier meiden und auch nicht so schwer tragen. Ganz allgemein fehlt mir auch der Antrieb, mich oder etwas von mir zu zeigen. Ein dicker Bauch macht sich auch bei einer Vernissage nicht so wirklich gut. Das meine ich nicht optisch oder modisch, sondern weil nach draußen gehen und ein Nest bauen zwei sehr unterschiedliche Dynamiken sind.

Je mehr ich forschte, desto klarer wurde mir, dass mein Wunsch, Kinder, Karriere und Kunst zusammen hinzubekommen, sehr fordernd werden wĂŒrde.

Das hĂ€ngt ganz oft auch mit der Arbeit zusammen, wie wir sie definieren und wie wir glauben, Geld verdienen zu mĂŒssen. Manchmal wird Arbeit von alten Vorstellungen dominiert, dabei könnte sie anders sein. Wir erwarten immer noch, dass Menschen an ihrem Arbeitsplatz bleiben, statt zu Hause sein zu dĂŒrfen und von dort zu arbeiten. In Zeiten von Internet und Skype sollte das eigentlich selbstverstĂ€ndlich sein. Vieles wĂŒrde dadurch einfacher und – reden wir Umweltschutz – die Autos mĂŒssten auch nicht stĂ€ndig bewegt werden. Aber das ist dann schon wieder ein anderes Thema.

33 Frauen

33 Frauen Frida_Kahlo,_by_Guillermo_KahloImmer wieder gab es Zeiten, in denen ich nicht wusste, wie ich das alles hinkriegen soll. Und immer gab es Frauen, die mir mit ihrem Leben gezeigt haben, dass es doch gehen kann. Selten in allen Aspekten gleichzeitig. Und sehr oft musste ich mir ĂŒber den Preis klar werden, den eine Frau fĂŒr ihr Leben zahlt.

Frida Kahlos Leben zum Beispiel. Mit 18 von einem Bus verletzt und ihr Leben lang mit Schmerzen lebend, nicht mehr in der Lage Kinder zu bekommen, zweimal mit dem gleichen Mann verheiratet, unter dessen Untreue sie litt, dem sie aber auch selbst untreu wurde, AnhĂ€ngerin von Stalin …

Frida Kahl findet man in jedem Rebel-Girl Buch als schillerndes Vorbild – aber will ich das? Nein. Egal wie berĂŒhmt ihre Kunst jetzt sein mag. FĂŒr mich lohnt es sich immer, genauer hinzusehen, wenn es um weibliche Vorbilder geht.

Und natĂŒrlich – Was fĂŒr mich gilt, muss fĂŒr niemanden anderen gelten. Daher verstehe ich meine Auswahl an Vorbild-Frauen als extrem subjektiv.

Zum Schluss: Haben mich auch MĂ€nner beeinflusst? Aber ja! Aber nicht unbedingt in Fragen von Schwangerschaft und Kinderkriegen, in Vereinbaren von Haushalt, Arbeit und Kindern oder im Leben von Beziehungen zu MĂ€nnern. Frauenthemen? Genau.

Lass dir nie von einem Mann sagen, wie du als Frau zu leben hast.

Bis bald

Katrin